Hohe Berge und tiefe Schluchten

Die Strecke Schruns bis Silbertal war sehr schön zu wandern, es ging grösstenteils durch Wälder und über Felder und die Sonne schien sanft vom Himmel. Von Silbertal führte mich der Wanderweg links hinauf über den Kristberg bis runter nach Dalaas.

Die Aussicht runter nach Silbertal

Die Aussicht runter nach Silbertal

Während dem Wandern habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, dass ich auf kein Tier stehe, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Auf keine Schnecke, keine Käfer, keine Insekten, keine Molche, nicht mal auf Ameisen. Ich versuche sogar Blumen und Pflanzen zu verschonen, damit die Natur möglichst ungestört bleibt. Als ich mich aber auf dem steilen Weg von Silbertal hinauf zum Kristberg befand, attakierten mich mehrere Dutzend Bremsen. Diese fiesen Viecher, die zuerst fünf Mal um einem herum kreisen, dabei den besten Landeplatz suchen nur um dann ihren Rüssel tief in die Haut zu bohren und einen grossen roten beissenden Insektenbiss zu hinterlassen, die gefallen mir gar nicht. Daher habe ich bei diesen Bremsen eine Ausnahme gemacht und habe jede einzelne gekillt, die mir zu nahe gekommen ist. Zum guten Glück sind diese fliegenden Hyänen ziemlich langsam, so kann man in Ruhe warten bis die sich hingesetzt haben, um sie dann genüsslich zu zerquetschen und in pulverisierter Form in sein T-Shirt einzumassieren. Schade nur, dass ich mich deshalb nicht auf den Weg und das Laufen konzentrieren konnte, so war ich nach einer viertel Stunde völlig ausser Atem und blieb leise fluchend vor einer dieser vielen kleinen Kapellen stehen.

Diese kleinen Kapellen sieht man sehr oft in Österreich

Kapelle

Bis nach Kösterle war es dann eigentlich nur noch einen Spaziergang, der sich am Schluss dann aber doch noch sehr lange hinzog.

Ich musste den Wanderweg suchen, ansonsten hätte ich immer wieder entlang der Hauptstrasse wandern müssen. Irgendwann im Wald wurde der Weg von einem grossen Fluss gekreuzt, den ich zunächst etwas unterschätzte. Ich dachte, dass meine Schuhe diesen Wassermassen schon standhalten würden, aber das Wasser fand seinen Weg über die oberen Schuhöffnungen ins Innere meiner Schuhe. Nachdem ich vergeblich nach einer gangbaren Überquerung gesucht hatte, entschied ich mich dafür, meine Schuhe auszuziehen und den Fluss barfuss zu passieren. Das hat dann auch wunderbar geklappt und war sogar noch sehr erfrischend für meine gequälten Füsse.

Ohne nasse Schuhe nicht möglich, daher barfuss durch den Bach

Ohne nasse Schuhe nicht möglich, daher barfuss durch den Bach

Als ich in Klösterle vorbei kam, zogen bereits fette Wolken auf und die ersten dicken Regentropfen waren zu spühren. Ich suchte Schutz unter dem nächsten Vordach und wurde gleich von einem sympatischen Holländer angesprochen, der sich in Begleitung von etlichen älteren Personen auf der Veranda befand. Wir redeten ein bisschen und er fragte mich wo ich noch hin möchte. Ich antwortete ihm, dass ich heute wahrscheinlich nicht mehr sehr weit will, sondern dass ich mir hier in der Nähe wohl eine Unterkunft suchen werde. Er stand auf, verschwand im Haus und kehrte mit dem Herr des Hotels wieder zurück. So einfach war die Hotelsuche für heute.

Am Tag darauf – am Montag – war das Wetter regnerisch und ich beschloss, meine erste Pause einzulegen. Im Touristenbüro fragte ich nach Wanderkarten, putzte und imprägnierte meine Schuhe und meine Jacke, schaute Fernsehen, kümmerte mich um meine E-Mails und Blogeinträge und besorgte mir Proviant für die folgenden Wandertage. Am Abend sass ich wieder mit dem Herrn des Hotels und dem sympatischen Holländer zusammen. Es stellte sich heraus, dass der Holländer Reiseunternehmer und Busfahrer ist und dass er seit mehreren Jahren regelmässig mit einer Busladung Touristen in dieses Hotel zu Besuch kommt. Wir essen, trinken, plaudern und schauen nebenbei die Nachrichten im Fernsehen, wo über das aktuelle Flüchtlingsdrama berichtet wird. Die Meinungen der beiden Herren über dieses Thema sind gespalten, und ich behalte meine Meinung für mich, weil mich dieses Thema traurig stimmt. Der Holländer erzählt, dass er seit über dreissig Jahren Leute in der Welt herum chauffiert. Einmal war er in Sibirien in einem kleinen Dorf, wo ihm eine Mutter ihr Kind verschenken wollte. Da sie von der Herkunft des Busfahrers weiss, wollte sie wohl eine sichere Zukunft und ein besseres Leben für ihr Kind. Wie er mir das erzählte, wurde ich noch trauriger und versuchte mich mit der Tatsache zu trösten, dass mein Leben zur Zeit wohl so gut ist wie noch nie.

Am nächsten Morgen verabschiedete ich mich von allen und machte mich auf den Weg nach St. Anton am Arlberg, der über Langen, Stuben, Rauz und den Arlbergpass führte. Zuoberst auf dem Arlbergpass sah ich an einem Souvenierstand eine Dose, die mit „Murmeltier-Salbe“ angeschrieben war. „Mit hochwertigem Murmeltieröl und echtem Tiroler Latschenkieferöl“ stand auf dem Gefäss. Ich fragte die Verkäuferin am Stand: „Werden die Murmeltiere ausgequetscht oder ausgekocht um das Öl zu gewinnen?“. Sie antwortete: „Sie werden gemolken!“. Wir lachten beide und ich kaufte ihr eine Dose Murmeltier-Salbe ab. An diesem Tag regnete es am Vormittag noch ein wenig, und ich musste feststellen, dass das Imprägnieren meiner Schuhe und meiner Jacke nichts genützt hat. Also steuerte ich in St. Anton in ein Sportgeschäft und kaufte mir kurzerhand eine neue Regenjacke und eine Schuhcreme, die Wasserabweisend sein soll. Seit Kösterle befand ich mich nun auf dem offiziellen Jakobsweg und kam somit an etlichen Herbergen vorbei. Für diese Nacht war es also kein Problem, eine Unterkunft zu finden.

Nicht einmal mehr mit viel Fantasie ist eine Frisur zu erkennen.

Nicht einmal mehr mit viel Fantasie ist eine Frisur zu erkennen.

Am Mittwoch den 17. Juni beschloss ich Zams zu erreichen. Es war ein weiter Weg bis dahin, ich machte bestimmt mehr als 30 Kilometer an diesem Tag, denn ich wollte endlich den Via Alpina (gelber Weg) erreichen. Zams war mein Einstiegspunkt und ab diesem Ort ist mein Weg dokumentiert. Als ich ins Hotel kam und auf die Terasse hinaus ging, grinste mich ein Typ in Gesellschaft einer ganzen Wandergruppe an und sagte: „Suchst Du ein Zimmer? Bezahlen kannst Du bei mir!“. Die ganze Wandergruppe lachte und ich lachte auch. Danach suchte ich die richtige Reception auf, bezog mein Zimmer und machte mich frisch. Bis zum nächsten Morgen begegnete ich immer wieder Leuten dieser Wandergruppe und fange an mit ihnen zu reden.

Am Donnerstag Morgen war ich sehr lange unschlüssig, ob ich zu Fuss oder mit der Seilbahn von Zams auf den Venet (Hausberg von Zams) gehen sollte. Endlich entschloss ich mich, mit der Seilbahn zu fahren und ging ca. eine Stunde nach der Wandergruppe aus dem Hotel. Von der Bergstation bis zum Venet Gipfel dauerte es etwa eine Stunde und dreissig Minuten zu wandern.

Selfie auf dem Gipfel des Venet

Von da ging es weiter zur Glanderspitze und dann runter zur Galfun Alpe, wo ich die Wandergruppe unter lautem Hallo wieder einholte. Der Wanderführer der Gruppe riet mir davon ab, die Strecke zwischen Wenns und Mittelberg zu Fuss zu machen. Das Gleiche hatte mir am Morgen beim Frühstück die Frau im Hotel auch schon gesagt, also glaubte ich es und entschloss mich schweren Herzens, diese Strecke mit dem Bus zu fahren. Alex (so heisst der Wanderführer) lud mich ein, mit dem Bus mitzufahren, den er eigens für die Wandergruppe organisiert hatte.

Gemütliche Übernachtungsmöglichkeit auf der Larchenalm

Tatsächlich ist die Strecke zwar sehr schön, aber es führen kaum Wanderwege da hoch. Ich hätte also einen grossen Teil dieses Weges auf der Strasse gehen müssen und hätte dafür wohl mehr als einen ganzen Tag gebraucht. Von Mittelberg bis in die Braunschweiger Hütte war der Wegweiser mit 2.5 Stunden angeschrieben. Der Wegweiser zeigte nach links „Braunschweiger Hütte Jägersteig“ und nach rechts zeigte er „Braunschweiger Hütte über Wasserfall“. Beide waren mit 2.5 Stunden angeschrieben. Ich nahm den linken Weg und merkte bald, dass dies der sehr steile Weg war, im Gegensatz zur Autobahn die rechts herum zur Hütte führte. Auf dem Weg zur Hütte wurde mir sehr viel an Energie abverlangt, weil der Weg wirklich steil und anstrengend war, mit etwa 1000 Meter Höhendifferenz. Unterweg begegnete ich einem Österreicher, der mich freundlich grüsste und mir mit seinen hellen und ehrlichen Augen direkt ins Gesicht sah. Er stellte mir Fragen und hörte sich meine Antworten genau an. Sein offener und aufrichtiger Eindruck faszinierte mich. Dann verabschiedeten wir uns von einander und ich erreichte endlich die Hütte. Die Wandergruppe, die ich in Zams kennengelernt hatte, vermisste ich allerdings noch. Kurz nach meiner Ankunft fing es an zu regnen und kurz darauf fing es dann auch noch an zu schneien. Zwei Stunden später kam dann endlich auch die Wandergruppe an. Ich war glücklich und lernte in der Hütte eine kleine Gruppe von sieben Deutschen kennen, die sich zum Teil auch unterwegs getroffen haben. Wir assen zusammen, tauschten Gemeinsamkeiten aus und amüsierten uns über die grölende Wandergruppe, die sich im gleichen Raum befand. Draussen schneite es weiter und ich machte mir Sorgen, ob ich am nächsten Tag überhaupt wieder runterkommen würde oder ob ich noch einen Tag in der Braunschweiger Hütte verharren müsste.

Ich weiss zwar nicht wie diese Pflanze heisst, aber sie gefallen mir sehr gut, weil sie sich ihr Lebensraum im garstigen Gebirge sucht.

Der etwas beschwerliche Aufstieg zum Gipfel Rettenbachjoch und rüber zum Rettenbachferner.

Die Entscheidung am nächsten Morgen war schnell gefällt, ich schloss mich den jungen deutschen Wanderern an und wir gingen als letzte aus der Hütte. Bis zur Überquerung auf die andere Seite, welche ins Skigebiet Sölden führt, waren es dann noch einmal 300 Höhenmeter bis zum Rettenbachjoch zu bewältigen. Der Abstieg nach Vent führte über das Skigebiet Sölden. Obwohl das Wetter schlecht war, habe ich die Wanderung in sehr guter Erinnerung. Etliche Wandergruppen mit dutzenden von Leuten hatten das gleiche Vorhaben und wir begegneten uns immer wieder.

Bisher geniesse ich jeden Schritt meiner Reise, auch wenn das Wandern ab und zu etwas anstrengend ist. Ich erlebe sehr schöne Momente! Aber ich muss auch eingestehen, dass ich leider längst nicht alle meiner Erlebnisse und Eindrücke dokumentieren kann. Zumindest versuche ich doch einen Teil davon festzuhalten um mit Euch zu teilen.

Bis bald, Euer Stefan.

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