Die verlorene Sonnenbrille

Am Morgen des 20. Juni kommen Maya, Regula, Roli, Peter und Koebi (auf den italienischen Tastaturen kann ich die beiden Puenktchen fuer die deutschen Sonderzeichen nicht finden, sorry!) von der WG „HunzKommune“ vorbei und begleiten mich fuer einen Tag. Wir wandern zusammen von Vent zur Martin Busch Huette bei maessig schoenem Wetter und verbringen den Rest des Tages in der Huette mit Uno spielen. Es war sehr gemuetlich und schoen, ich geniesse ihre Gesellschaft.

von links: Peter, Maya, Roli, Regula und Koebi

Am naechsten Morgen verabschieden wir uns voneinander, sie laufen zurueck nach Vent und ich mache mich auf den Weg nach Vernagt, der ueber die Similaun Huette fuehrt. Unterwegs komme ich an einem Wegweiser vorbei, auf dem steht: „Zur Fundstelle des Oetzi“. Kurzerhand aendere ich meine Plaene und schlage den Pfad zum „Mann von Similaun“ ein, wie die Suedtiroler zu ihm sagen. Die Wanderung erweist sich aber als ziemlich schwierig, denn es liegt noch immer sehr viel Schnee und manchmal breche ich mit den Fuessen durch die Schneedecke und sinke immer wieder ein. Einmal stecke ich tatsaechlich bis zum Bauch im Schnee und brauche ordentlich Kraft und Zeit, bis ich mich wieder da raus gekaempft habe. Zweihundert Meter unterhalb des Zieles halte ich es fuer vernuenftiger, wieder den Weg zur Similaun Heutte einzuschlagen und die Fundstelle des Oetzi warten zu lassen. Denn hier oben herrscht tiefer Winter, es schneit kraeftig und was ich da oben finden wuerde war eh nichts anderes als Schnee. Ich bin froh dass ich meine Handschuhe und Kappe dabei habe.

Tiefer Winter auf dem Weg zur Similaunhuette

In der Similaun Heutte esse ich eine Gulaschsuppe und treffe drei junge Deutsche, die ich bereits in der Martin Busch Huette gesehen habe. Wir wandern zusammen runter nach Vernagt. Unterwegs faellt mir auf, dass die Jahreszeit innerhalb von zwei Stunden von Winter nach Fruehling wechselt. In Vernagt checke ich in ein vier Sterne Hotel ein und geniesse den schoenen Ausblick auf den Stausee mit seiner tiefen Tuerkisfarbe.

Von Vernagt wandere ich ueber Unser Frau und Karthaus Richtung Schnalstal nach Naturns. Ein Stueck des Weges fuehrt entlang des verbotenen Waalweges, der wegen Steinschlages geschlossen ist. Wohl ist dieser Weg sehr angenehm zu gehen, da es immer leicht bergab geht und der Fluss (die Waale) nebenher plaetschert. Aber ich muss auch merken, weshalb der Weg geschlossen und verboten zu gehen ist. Die Steinschlaege, die vor drei Jahren hier heruntergedonnert sind, habe ich etwas unterschaetzt. Ein paar Kilometer weiter komme ich am Schloss Juval von Reinhold Messner vorbei und goenne mir einen Rundblick. Wieder einmal bin ich voellig ueberwaeltigt von der Schoenheit des Ausblickes, der Einrichtung und der Geschichte dieses Ortes. Ich lasse alles so gut wie moeglich auf mich wirken und versuche moeglichst viele Eindruecke aufzusaugen. Alles passt, das Wetter, die Bauern die das Heu einbringen, die Stimmung, die Leute, die Umgebung, die Tiere um mich herum, die Pflanzen und die Gerueche.

Das Schloss Juval wo im Sommer Reinhold Messner wohnt

Am naechsten Tag setze ich mir zum Ziel, die Hochganghaus Huette zu erreichen. In meinem Wanderfuehrer steht, dass ich die Seilbahn nehmen soll. Ich weiss es besser und bewaeltige die knapp 1000 Hoehenmeter rauf bis zum Meraner Hoehenweg zu Fuss. Unterwegs komme ich ueber die 1000 Stufen Schlucht, wo die Touristen schnaufend an mir vorbei schleichen. Eine sehr imposante Stelle, die viele Eindruecke hinterlaesst. Kurz vor meinem Ziel begegne ich einer jungen Frau, die einen Rucksack traegt, der so gross ist wie meiner, ja sogar noch etwas groesser. Es geschieht relativ selten auf meiner Reise, dass ich Leute treffe, die aehnlich viel Gepaeck mit sich herum tragen wie ich. Deshalb spreche ich sie auf ihren monstroesen Rucksack an und wir erzaehlen uns von unseren Vorhaben. Sie ist Hollaenderin, ihr Name ist Korinda (oder so), sie ist vor mehr als einem Monat in Slovenien gestartet und moechte gerne nach Nizza wandern. Sie hat ein Zelt dabei und schlaeft meistens draussen in der Natur. Ich bin sehr beeindruckt. Dann faellt mir auf wie duenn und klein sie ist.

Die kleine Frau mit dem grossen Gepaeck

Die kleine Frau mit dem grossen Gepaeck

Ich frage sie: „Sag mal, wie schwer ist dein Rucksack?“. Sie antwortet: „Etwa 25 Kilo.“. „Und wie schwer bist Du? 50 Kilo?“, frage ich sie. Sie sagt: „Nicht ganz, etwa 47 Kilo.“. Jetzt bin ich noch mehr beeindruckt, komme mir aber auch etwas komisch vor und beschliesse, mich nicht mehr ueber das Gewicht meines Rucksackes zu beklagen.

Als ich in der Hochganghaus Huette ankomme bin ich sehr muede und spiele mit dem Gedanken, am naechsten Tag eine Pause einzulegen. Der Heuttenwart – ein junger und sehr sympatischer Mann – empfiehlt mir, den Rucksack in der Huette zu lassen und am naechsten Tag einen Abstecher zur Hochgangscharte – eine Wanderung von zwei Stunden – zu machen. Am Morgen folge ich seinem Rat und mache mich auf den Weg zur Hochgangscharte und den Sponserseen. Unterwegs begegne ich der Freundin des Huettenwirtes, die sich gerade wieder auf dem Abstieg befindet. Sie erzaehlt mir, dass sie jeden Morgen hier hoch wandert, zusammen mit ihrem Hund. „Was fuer ein Arbeitsort!“ denke ich und wandere nach ganz oben, von wo aus ich den atemberaubenden Ausblick auf 1000 Bergspitzen, Taeler, Fluesse und Wolken geniesse.

Die Aussicht von der Hochgangscharte auf Dorf Tirol und Meran

Die Aussicht von der Hochgangscharte auf Dorf Tirol und Meran

Noch immer berauscht von der schoenen Aussicht mache ich mich nach einiger Zeit wieder auf den Abstieg und komme an ein paar Bauarbeitern vorbei, die nach dem Winter den Weg verbessern. Unten angekommen merke ich, dass ich unterwegs meine Sonnenbrille verloren haben muss. Aufgeregt ruft die Heuttenwirtin: „Die haben die Bauarbeiter gefunden!“. Jetzt sitze ich schoen in der Klemme, meine Sonnenbrille ist fast ganz oben und ich bin hier unten. Was soll ich tun? Nach einer knappen Stunde entschliesse ich mich, den steilen Weg noch einmal in Angriff zu nehmen und erklimme den Berg ein zweites Mal heute. Dieses Mal bin ich allerdings bewaffnet mit drei leckeren Knoedeln und Salat fuer die Bauarbeiter, die mir die Heuttenwirtin mitgegeben hat, quasi als Finderlohn. Wie ich endlich oben ankomme, frage ich: „Guten Tag. Hat jemand von Euch eine Sonnenbrille gefunden!“. Einer von den Dreien antwortet: „Ja.“. Ich denke mir, dass Bergarbeiter wohl nicht die grossen Redner sind und frage weiter: „Cool! Was fuer eine?“. „Was fuer eine suchst du denn?“ war die Antwort. „Eine Weisse.“ sage ich und meine damit das Brillengestell. Er sagt: „Wir haben eine Braune.“ und meint damit die Brillenglaeser. „Schade, dann ist es wohl nicht meine. Darf ich sie trotzdem sehen? Dafuer gibt es eine Belohnung.“ trumpfe ich auf. Jetzt drehen sich die anderen zwei Koepfe auch noch zu mir und ich habe die Aufmerksamkeit von allen. „Knoedel!“ rufe ich und packe das Mittagessen aus. So haben die Arbeiter einen zufriedenen Magen, die Heuttenwirtin ihre Genugtuung und ich meine Sonnenbrille. Am gleichen Tag wandere ich dann noch die knapp vier Stunden nach Dorf Tirol und nehme mir ein Hotel. „So sieht also ein freier Tag aus…“ denke ich, als ich voellig erschoepft auf dem Bett sitze.

Mein Wanderfuehrer schlaegt mir wieder vor, mit der Seilbahn runter nach Meran, dann mit dem Bus bis zur Talstation und mit der Seilbahn wieder hoch bis Meran 2000 zu fahren. Wieder weiss ich es besser und laufe den ganzen Weg. Meran liegt auf 325 Meter ueber Meer, Meran 2000 liegt auf ca. 2000 Meter ueber Meer. An diesem Tag mache ich einige Hoehenmeter und ich weiss weshalb mir der Reisefuehrer die Seilbahn vorgeschlagen hat. Nachdem ich zum vierten Mal mein T-Shirt gewechselt habe, komme ich endlich oben an und werde wieder einmal mit einer fantastischen Aussicht belohnt.

Die Stoanernen Mandln

Die Stoanernen Mandln

Am naechsten Tag wandere ich einen wunderschoenen Weg von der Meraner Huette runter nach Bozen. An diesem Tag komme ich ca. 30 Kilometer weit, da es den ganzen Weg leicht runter geht, das Wetter traumhaft schoen ist und ich mich gut fuehle. Unterwegs komme ich an den „Stoanernen Mandln“ vorbei. Das ist ein Ort wo hunderte von Steinmaennchen sind, die ueber Jahrzehnte von Leuten gebaut wurden, eine Erscheinung, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Ich wandere weiter ueber Almen, Wiesen, durch Nadel- und Mischwaelder, durch Reben und durch kleine Doerfer und geniesse diese Umgebung so sehr, dass ich mich irgendwo faul auf eine Wiese lege und alles um mich herum vergessen kann. Dabei frage ich mich, wann ich so etwas zum letzten Mal gemacht habe. Muss wohl einige Zeit her sein.

Ich liege faul auf einer Wiese am geniessen

Ich liege faul auf einer Wiese am geniessen

Der Fuehrer einer Wandergruppe erklaehrt mir, dass dies wohl einer der schoensten Abschnitte es Fernwanderweges E5 ist, auf dem ich mich zur Zeit befinde. Als ich bin Bozen ankomme, lese ich auf einer Anzeige, dass es 33 Grad warm ist.

Die Aussicht ueber Rebberge nach Bozen

Die Aussicht ueber Rebberge nach Bozen

Ich bin erschoepft aber sehr gluecklich und finde ein Hotel in der Altstadt. Es faellt mir auf, dass sich almaehlich alles anfaengt zu veraendern. Das Klima, die Pflanzen, die Tiere, die Sprache, die Leute und sogar mein eigener Koerper sind anders als noch vor einer Woche. Es ist interessant was man alles erlebt und es stimmt wenn jemand sagt: „Wenn einer einer Reise tut, dann kann er was erzaehlen…“

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