Viel Schweiss

Als ich am 27. Juni in meinen Reiseführer schaue, sagt dieser zu mir, dass ich von Bozen bis nach Tiers den Bus nehmen soll, um dann zur Tschafon Huette und von da aus zur Schlernhaus Huette zu wandern. Aber wieder weiss ich es besser (siehe meinen letzten Blogeintrag) und wieder gehe ich die gesamte Strecke zu Fuss. Von Bozen bis Tiers ist es mehr oder weniger ein Spaziergang, danach steigt man ein paar hundert Hoehenmeter auf bis zur Tschafon Huette. Um zwei Uhr komme ich an, mache eine lange Pause und bin mir nicht sicher, ob ich in dieser Huette bleiben soll oder ob ich weiter bis zur Schlernhaus Huette laufen soll. Also frage ich den Hüttenwart, wie weit es denn noch bis da hoch ist. Er sagt mir, dass es zwei Wege gibt. Der eine geht um die Hammerwand herum und dauert ca. 3 Stunden, der andere fuehrt ueber die Hammerwand und dauert gut 5 Stunden. Da es inzwischen bereits 15:30 Uhr ist, schaue ich ihn fragend an und sage, dass es wohl keine so gute Idee ist, heute noch da hin zu wandern: Er antwortet: „Aber warum denn nicht? Der Weg dauert 3 Stunden jetzt ist es halb vier Uhr und die Sonne geht erst um 9 Uhr unter. Das passt doch!“. Ermutigt von seinen Worten mache ich mich auf den Weg.

Blick von der Hammerwand auf einen Teil der Dolomiten

Blick von der Hammerwand auf einen Teil der Dolomiten

Und jetzt kommt die Frage des Tages. Wie mache ich klassische Fehler in den Bergen? Anleitung: Man nehme einen Kompass, eine Wanderkarte 1:25’000, ein GPS und zwei Wegweiser. Die Karte wird fein saeuberlich zusammengefaltet und das GPS ausgeschaltet. Dann werden Karte und GPS zusammen mit dem Kompass im Rucksack verstaut. Dem einen Wegweiser vertraut man blindlings, waehrend man den anderen komplett ignoriert. Jetzt wird mit viel Euphorie losmarschiert, bis man sich nach ca. 1.5 Stunden auf einem Berg wieder findet, welcher der Hoechste im Umkreis von 10 Kilometer zu sein scheint. Jetzt kommen endlich GPS und Wanderkarte zum Einsatz, um den offensichtlichen Verdacht zu bestaetigen, dass man nicht UM den Berg, sondern UEBER den Berg gewandert ist. Somit kann auch die einmalige Aussicht nicht richtig genossen werden, da man viel zu sehr damit beschaeftigt ist, sich a) ueber sich selbst zu aergern und b) sich Sorgen zu machen, dass man es nicht rechtzeitig bis zur Schlernhaus Huette schafft. Zu allem Uebel muss man dann auch noch feststellen, dass man nicht nur ueber die Hammerwand, sondern auch noch ueber zwei weitere Gipfel klettern muss, die zwischen Start und Ziel liegen. Wenigstens war das Wetter schoen und so habe ich es dann doch noch rechtzeitig zur Huette geschafft. Alles in allem habe ich an diesem Tag jedoch ca. 2800 Hoehenmeter gemacht. Ich war ziemlich geschafft, als ich in der Schlernhaus Huette angekommen bin.

Von der Schlernhaus Huette geht es im Morgennebel los Richtung Friedrich-August Huette

Von der Schlernhaus Huette geht es im Morgennebel los Richtung Friedrich-August Huette

Als ich am naechsten Morgen los wandere, ist es Anfangs noch etwas neblig, aber almaehlich weicht der Nebel zugunsten des Sonnenscheins. Ich wandere weiter, oberhalb der Baumgrenze, ueber karge Berglandschaft, bis zur Friedrich-August Huette. Dort beziehe ich ein sehr gemuetliches Zimmer und verbringe das ganze Abendessen damit, aus dem grossen Fenster auf den gegenueberliegenden Berg zu schauen. Es ist ein schöner, nicht sehr aussergewoehnlicher Berg, von dem jedoch ein ganzes Stueck fehlt. Vor vielen Jahren muss da wohl ein gewaltiger Steinschlag runtergekommen sein, der jetzt in Form eines riesigen Kegels unterhalb des Berges liegt. Ploetzlich faellt mir ein kleiner Punkt auf, der sich zwischen den grossen Felsen bewegt. Dann noch einer, dann noch einmal zwei und gleich noch zwei weitere. Ich frage den Huettenwart, ob ich sein Fernglas ausleihen darf und erkenne durch den Feldstecher eine Herde von ca. 50 – 60 Gaemsen, die sich behende durch die Felsen bewegen. Ein eindrueckliches Erlebnis war das, weil ich noch nie eine so grosse Herde Gaemsen gesehen habe.

Ich beschliesse den Weg etwas abzukuerzen und nicht wie im Reisefuehrer beschrieben den Umweg ueber Fontanazzo zu machen, sondern direkt über den Passo di Fedala nach Pieve di Livinalongo zu wandern. Somit spare ich einen Tag und etliche Kilometer Umweg.

Einsame "Geisterstrasse" entlang dem Fedaia Stausee

Einsame „Geisterstrasse“ entlang dem Fedaia Stausee

Ich wandere also runter nach Canazei wo ich ein paar Besorgungen erledige und dann weiter bis zum Fedaia Stausee gehe. Von da aus fuehrt der Weg links rauf ueber einen kleinen Pass und dann wieder runter nach Davedino. Dieser Weg wird offenbar von fast niemandem gebraucht, denn nur mit sehr viel Aufwand finde ich zwischen ein paar zerfallenen Huetten und huefthohem Gras einen etwa 20 Zentimeter breiten Trampelpfad. Davedine ist ein sehr kleines und vertraeumtes Doerfchen, wo Wanderer wie ich zwar komisch angeschaut, aber auch nett gegruesst werden. Wahrscheinlich sind die Einwohner darueber erstaunt, dass es noch Leute gibt, die diesen Weg noch begehen. Von hier aus kann ich mein Hotel bereits sehen. Es liegt auf Augenhoehe, keinen Kilometer von mir entfernt. Auf der Karte ist die Strecke zwischen Davedine und Pieve als 4 Zentimeter langer Strich eingezeichnet. Ich freue mich und bin guten Mutes, muss aber bald feststellen, dass ich die Rechnung ohne die dazwischenliegende Schlucht gemacht habe. Die ueber 300 Hoehenmeter runter und wieder rauf, kosten mich einiges an Motivation, Energie und Stunden. Erschoepft aber gluecklich erreiche ich endlich das Hotel in Pieve.

Die Strecke von Pieve nach Andraz ist ein Katzensprung entfernt. Von da aus stimmen aber Wanderkarte, GPS und Wirklichkeit nicht mehr so richtig überein und so waehle ich faelschlicherweise eine Forststrasse, die erst lange durch den Wald fuehrt, dann almaehlich zu einem Weg und letztendlich zu einem Pfad wird. Irgendwann ist dann auch Schluss mit dem Pfad und ich versuche doch noch so etwas wie eine Spur durch den Wald zu finden. Als es zu spaet zum umkehren ist, zeigt mein Navi einen Weg 400 Hoehenmeter weiter oben an. Also gehe ich quer durch den Wald und hoffe, dass mein Navi dieses Mal recht behaelt.

Zwischen Andraz und Passo di Giau stehen einzelne Alphütten

Zwischen Andraz und Passo di Giau stehen einzelne Alphütten

Nach gefuehlten 5 Liter Schweiss tut es das dann auch und ich bin froh, endlich wieder eine Strasse unter meinen Fuessen zu wissen. Wieder komme ich ueber die Baumgrenze und an schoenen vertraeumten Alphuetten vorbei, bis ich den Passo di Giau erreiche. Von dort aus geht es wieder durch die sehr karge aber auch eindrueckliche Landschaft der Dolomiten hindurch. Unterwegs lerne ich vier Jungs vom Kanton Wallis kennen. Wir gehen zusammen weiter bis zur Citta di Fiume Huette.

Auf dem Weg vom Passo di Giau zur Rifugio Citta di Fiume zeigen sich wieder die Waende der Dolomiten

Auf dem Weg vom Passo di Giau zur Rifugio Citta di Fiume zeigen sich wieder die Waende der Dolomiten

Von San Vito zur Rifugio Galassi fuehrt unter anderem ein Weg, der immer gleich steil ist. Und er ist steil! Ich gehe ganz langsam mit meinem Gepaeck auf den Schultern, damit ich auf der Strecke nicht zuviel Energie liegen lasse. Jedes Mal wenn ich die Baumgrenze ueberwinde, ist es ein spezieller Moment. Der Ausblick oeffnet sich, man sieht, was man alles gegangen ist und man kann seheh, wohin der Weg noch fuehrt.

Am Freitagmorgen komme ich früh von der Rifugio Padova los. Noch vor acht Uhr bin ich bereits auf dem Wanderweg und steige hinauf zur Montanaia Scharte, laut Dokumentation die steilste Stelle auf dem gesamten Via Alpina Weg. In der Tat ist der Auf- und Abstieg so steil, dass das Geroell unter den Fuessen regelmaessig zu rutschen beginnt. Ich bin sehr froh, dass ich alleine unterwegs bin, denn immer wieder loesen sich groessesre Steine, die den Abhang hinunter rollen.

Zuoberst auf der Montanaia Scharte ist die Aussicht auf die andere Seite überwältigend

Zuoberst auf der Montanaia Scharte ist die Aussicht auf die andere Seite überwältigend

Der Abstieg ist dann viel Einfacher. Das Geroell gibt bei jedem Schritt angenehm nach und ich kann eine grosse Strecke relativ schnell hinunter wandern. Ich nenne diese neue Sportart Geroellsurfen. Als ich bereits um 12:20 Uhr an meinem Tagesziel – der Rifugio Pordenone – angekommen bin, beschliesse ich, gleich noch ein Stueck zu wandern und mache mich auf den Weg zur Rifugio Flaiban Pacherini, einer sehr gemuetlichen Huette auf ca. 1650 Metern ueber Meer.

Um die Schönheiten der Landschaft und der Umgebung zu geniessen, bleibe ich immer wieder stehen. Man schaut vorwärts und sieht, was noch zu machen ist. Man schaut rueckwaerts und sieht, was man schon alles gemacht hat. Und manchmal kommt man an einem Punkt an, wo man den Überblick gewinnt oder verliert, wo man sich neu orientieren muss oder wo man sein Ziel bereits vor Augen hat. Bekanntschaften kommen und gehen und manche bleiben. Jeder Tag ist anders, nie weiss man, was einem erwartet und doch ist man froh, dass man schon so weit gekommen ist. Ein bisschen kann eine Reise mit einem Leben verglichen werden …

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