Die Wueste

Ich geniesse jede Aussicht, die sich mir bietet. Hier zwischen Sauris di Sopra und Ovaro

Ich geniesse jede Aussicht, die sich mir bietet. Hier zwischen Sauris di Sopra und Ovaro

Seit dem letzten Blogeintrag ist einige Zeit vergangen aber auch wieder viel passiert. Da moechte ich zum Beispiel einige Dinge nach Hause in die Schweiz schicken, die ich nicht mehr brauche, was unweigerlich zu einem mittelgrossen Projekt wird. Ich habe dabei naemlich voellig verdraengt, dass ich mich in Italien und nicht in der Schweiz befinde. Als ich auf der Poststelle mit Haenden und Fuessen zu verstehen gebe, dass ich gerne ein Packet haben moechte, schickt mich die nette Frau hinter dem Schalter zum Supermakrt. Also nehme ich meinen Rucksack, und zottle zum Spar. Dort kann man jedoch keine Kartonschachteln kaufen, sondern man bekommt die alten Kartons, die als Verpackung fuer die Sachen in den Regalen gedient haben. Um das Packet zu schnueren, bekomme ich sogar noch Klebeband und Schere von der Angestellten. Mit meinem Paeckli und dem Rucksack zottle ich also wieder zurueck zur Poststelle. Dort bitte ich die Angestellte um eine Adressettikette, was diese aber falsch versteht und meint, ich moechte das Packet eingeschrieben in die Schweiz schicken. Jetzt mischt sich noch eine Hollaenderin ein und versucht zu uebersetzen. Das Chaos um mein Paeckli wird immer groesser und die Schlange hinter mir immer laenger. Aber alle sind sehr geduldig und gut gelaunt, bis ich nach 1.5 Stunden das Projekt Paeckli endlich abschliessen kann.

Hier wurde ich fast vom Blitz getroffen

Hier wurde ich fast vom Blitz getroffen

Die Wanderung von Forni di Sopra nach Sauris di Sotto scheint laut Dokumentation und Karte keine grosse Herausforderung zu sein. So mache ich mich auf den Weg. Ueber den Tragonia Pass kaempfe ich verzweifelt gegen duzende von Bremsen und Rossbremsen. Ein Mal, als ich gerade mich einer Rossbremse beschaeftigt bin, sehe ich eine ca. 80 cm lange schwarze Schlange, die es nicht sehr eilig hat, vom Weg runter zu kommen. Ich bin nicht sicher, ob diese Tiere giftig sind. Daher gehe ich etwas vorsichtiger weiter. Tatsaechlich ist die Wanderung ein besserer Spaziergang, bis zu einem Punkt, der auf der Karte mit „Sella di Rioda“ eingezeichnet ist. Ich befinde mich auf einer Bergkrete, wo es zu meiner Linken und Rechten ziemlich steil runter geht. Von hinten scheint die Sonne, von vorne und von rechts ziehen etwas Wolken auf. Dann geschieht alles in wenigen Bruchteilen einer Sekunde. Ueber mir nehme ich ein kurzes grelles Licht wahr. Fast im gleichen Moment hoere ich ein lautes Knistern in der Luft ueber mir und dann folgt ein ohnenbetaeubendes Krachen. Das bedrohliche Grollen hallt noch ein paar Sekunden nach. Ich kann nicht beurteilen, ob das ein grosser oder ein kleiner Blitz war, aber ich muss mich zusammenreissen, dass ich vor Schreck nicht umfalle und den Abhang hinunter kollere. Danach kann ich die Wanderung bis Sauris di Sotto nicht mehr so richtig geniessen, weil ich das Vertrauen in das Wetter etwas verloren habe. Es bleibt der einzige Blitz an diesem Tag in dieser Gegend.

Das alte Bahntrassee

Das alte Bahntrassee

Eigentlich moechte ich am Donnerstag den 9. Juli von Tolmezzo nach Resiutta wandern. In einer sehr abenteuerlichen Tour muss ich jedoch feststellen, dass der Weg, der auf der Karte und auf dem GPS eingezeichnet ist, nicht existiert. Ich verliere einen halben Tag und beschliesse, stattdessen den halben Weg nach Amaro durch das Tal statt ueber den Berg zu gehen. Ich finde ein stillgelegtes Bahngleis, welches teilweise komplett ueberwachsen ist. Die Schiene (oder was davon noch uebrig ist) fuehrt vorbei an einsamen Bahnhoefen, verlassenen Fabriken und Hauesern, durch finstere Tunnels und ueber Bruecken aus Stein und rostigem Stahl.

Ganze Fabriken stehen leer, die vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch in Betrieb waren

Ganze Fabriken stehen leer, die vor ein paar Jahren wahrscheinlich noch in Betrieb waren

Bahnhoefe, Haeuser, Geschaefte und Tunnels, die nicht mehr gebraucht werden

Bahnhoefe, Haeuser, Geschaefte und Tunnels, die nicht mehr gebraucht werden

Eineinhalb Tage lang dauert die Wanderung auf diesem Gleis, was mir eine gute Abwechslung zu den Bergen bietet und viele Eindruecke aus der Vergangenheit erzaehlt. In Resiutta treffe ich Claudia, die mich fuer zwei Wochen auf meiner Wanderung begleitet. Am gleichen Abend noch planen wir die Wanderung zum Passo Tanamea, muessen jedoch feststellen, dass wir es ab Resiutta mit einem ziemlich einsamen Gebiet zu tun haben. Sogar die Einheimischen bezeichnen das Land und die Berge in dieser Gegend als „Desserto“, also die Wueste. Und so ist es dann auch. Die Gegend ist wohl sehr schoen zu bewandern, aber es gibt so gut wie nichts an Infrastruktur, Schlafmoeglichkeiten, Restaurants und sonstiger Zivilisation. Zum Teil scheinen ganze Doerfer wie ausgestorben zu sein. Wir kuerzen die Tour so ab, dass wir die Wueste innerhalb von zwei und nicht wie im Reiseprgramm beschrieben in vier Tagen durchqueren. Unser Ziel ist ein Dorf mit dem Namen Montemaggiore, welches ueber einen Pass zu erreichen ist.

Sehr schoene Aussicht auf die mit Wald bewachsenen Voralpen in Italien. Von hier aus sieht man bereits das Meer

Sehr schoene Aussicht auf die mit Wald bewachsenen Voralpen in Italien. Von hier aus sieht man bereits das Meer

Wir steigen 700 Hoehenmeter auf, wandern durch einen Maerchenwald und finden uns ploetzlich auf einem Anhoehe wieder, von der man einen Ausblick geniessen kann, der einem den Atem stocken laesst. Vor uns sehen wir die sanften Voralpnehuegel italiens und dahinter ist eine schier endlose Ebene zu erkennen, wo die groesseren Staedte wie Udine, Gorizia und Trieste liegen. Mit offenem Mund bestaune ich die Herrlichkeit, bis Claudia sagt: „Schau mal dieser silberne Streifen am Horizont. Ist das die Adria?“. Wie sich spaeter herausstellt, sehen wir von diesem Ort aus tatschaechlich zum ersten Mal das Meer. Wie lange habe ich auf diesen einen Moment gewartet!

Claudia beim Wandern durch die Wueste

Claudia beim Wandern durch die Wueste

Montemaggiore besteht aus ca. 50 − 60 Haeuser und nur sechs Einwohnern. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass wir die Wueste noch lange nicht geschafft haben. Trotzdem haben wir Glueck und finden eine Unterkunft bei einem 82 jaehrigen Herrn und seiner ca. 30 Jahre juengeren Svetlana. Somit kennen wir also bereits einen Drittel der Bevoelkerung von Montemaggiore. Am naechsten Tag erreichen wir Montefasco, ein Dorf, das frueher einmal 600 Einwohner zaehlte und heute aus nicht einmal mehr 50 Einwohner besteht. Seit 26 Jahren ist hier kein Kind mehr zur Welt gekommen. Die meisten Haeuser stehen leer und sind schon fast zerfallen. Wir durchqueren das Dorf zwei Mal mit unseren Rucksaecken, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Dann treffen wir doch noch jemanden, der uns zeigt an welcher Tuere wir klopfen muessen. Der nette Herr stellt uns ein ganzes Pfadiheim zur Verfuegung und gibt uns auch noch zu Essen und zu Trinken.

Unsere naechsten Ziele sind das Rifugio Pelizzio, dann Refugio Solarie, Castelmonte und dann Cormons, wo wir seit Resiutta nach fuenf Tagen zum ersten Mal wieder eine richtige Einkaufsmoeglichkeit finden. Jetzt wissen wir, dass wir die Wueste definitiv hinter uns gelassen haben. Zwischen Pelizzio und Solarie verlaeuft ein Teil des Weges genau auf der Landesgrenze zwischen Italien und Slovenien.

Wandern auf der Grenze von Italien und Slowenien

Wandern auf der Grenze von Italien und Slowenien

Wir geniessen einen herrlichen Sonnenuntergang von unserem Biwak

Wir geniessen einen herrlichen Sonnenuntergang von unserem Biwak

Immer wieder begegnen wir Grenzsteinen, welche die Landesgrenze markieren. Und vor allem staunte ich ueber die Praesenz, die der erste Weltkrieg hier noch immer geniesst. Immer wieder sind alte Bunker, Denkmaehler, Hoehlen und Museen zu sehen, die an das Geschehene vor 100 Jahren erinnern. Unterhalb des Rifugio Solarie bekommt Claudia Schmerzen in ihrem Knie und reist zwischen Cormons und Trieste fuer zwei Tage mit dem Zug. So wandere ich alleine und treffe Claudia jeweils am Abend wieder. Seit dem Aussichtspunkt oberhalb Montemaggiore verliefen die Wege meistens im Wald. Das hat den Vorteil, dass man viel im Schatten ist, vor allem wenn man bei zum Teil bis zu 40 Grad im Schatten wandert. Aber leider muss dabei die Aussicht etwas leiden.

Gestern Abend haben wir Trieste erreicht, was fuer mich einen weiteren Meilenstein auf meiner Reise bedeutet. Trieste ist das Ende des Via Alpina und gleichzeitig das erste Mal, wo ich ans Meer gelange. Vor lauter Aufregung muss ich gleich meinen Marc anrufen und im die Neuigkeit erzaehlen. Wie ich so vor dem Computer sitze und die Karte mit den einzelnen Punkten anschaue, merke ich, dass ich ja schon fast einen Drittel der gesamten Wanderung geschafft habe. Ich freue mich ueber alles was ich bereits erreicht habe und auch ueber alles was mir noch bevor steht. Mit allen positiven und nicht so ganz positiven Erfahrung ist eine solche Reise eine einzige Bereicherung.

Endlich Trieste

Endlich Trieste

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