Abschied und Neuanfang

Claudia spuehrt immer wieder starke Schmerzen in ihrem Knie. Damit sie nicht zuviele Schmerzmittel einnehmen muss und um ihr Knie zu schonen, goennt sie sich den Luxus, einige Tagesetappen mit der Bahn oder dem Auto zu fahren. Davon kann auch ich profitieren, denn ich gebe ihr jeweils meinen schweren Rucksack mit und trage nur das Noetigste mit mir zum naechsten Etappenziel, wo ich dann wieder Claudia treffe. Sie organisiert inzwischen alles, was ein mueder Wanderer so braucht, zum Beispiel Hotel, Essen, Trinken, Internet Zugang, Informationen fuer Touristen etc.

Ivan und Claudia in Trieste. Ab jetzt geht es fuer einen Teil zu Dritt weiter.

Ivan und Claudia in Trieste. Ab jetzt geht es fuer einen Teil zu Dritt weiter.

In Trieste besorgt sie zum Beispiel ein Hotelzimmer, das eigentlich eher eine Zweizimmerloft ist. Wir geniessen die schoene Hafenstadt zwei Tage lang und holen Ivan vom Bahnhof ab, der mich auch fuer eine Woche begleitet. Nun sind wir zu Dritt auf der Wanderschaft. Uns ist bewusst, dass der gut organisierte Via Alpina nun zu Ende ist und dass wir ab jetzt die einzelnen Etappen selber zusammenstellen muessen. Allerdings ist uns in Trieste noch nicht so ganz bewusst, was das genau fuer uns bedeutet. Als wir uns auf den Weg nach Slowenien machen, ist es immer noch sehr heiss. Ein Thermometer zeigt bereits um 10:00 Uhr vormittags 35 Grad an. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass wir einen grossen Teil der Strecke auf einer sehr stark befahrenen Asphaltstrasse ohne Trottoir gehen muessen. Es ist die Verbindungstrasse zwischen Kozina und Sapjane in Slowenien, wo die Lastwagen zum Teil wenige Zentimeter an uns vorbei donnern. Wir sind vorsichtig und wachsam, damit wir nicht in Gefahr geraten. Manchmal versuchen wir einen Wanderweg abseits der Strasse zu finden, damit wir das Laufen besser geniessen koennen, stellen jedoch fest, dass Wanderkarten und GPS sehr oft nicht mit der Realitaet uebereinstimmen. So landen wir immer wieder auf dem Asphalt und neben den Autos. Claudia und Ivan sind sehr tapfer uns ziehen mit mir diese Sache durch. Trotz allem koennen wir auch diese Strecken geniessen, denn es hat nicht immer gleich viel Verkehr, die Strassen sind manchmal breit genug und die Umgebung in Slowenien und in Kroation ist sehr schoen.

Diese Pflanze muss eine Art Distel sein

Diese Pflanze muss eine Art Distel sein

Rijeka ist ein weiteres wichtiges Etappenziel auf meiner (unserer) Reise, denn es ist die erste grosse Stadt in Kroatien und die zweite Hafenstadt, die wir besuchen. Wir beschliessen einen Tag Pause zu machen, was eine gute Idee ist. Zusammen geniessen wir die Stadt, die Atmosphaere, unsere Unterkunft, den Strand und das feine Essen, vor allem den Wein und den frischen Fisch. In unserem Botel (ein Hotel auf einem Boot) lernen wir Clemens kennen. Clemens ist ca. 60 Jahre alt und wandert immer wieder durch Europa. Sofort weckt er mein Interesse, als er mir erzaehlt, dass er schon durch Montenegro, Albanien, Mazedonien und Griechenland gewandert ist. Wir reden lange miteinander und er kann mir viele wertvolle Tips und Informationen fuer meine Reise geben.

Das Botel, unsere Unterkunft in Rijeka

Das Botel, unsere Unterkunft in Rijeka

Claudia hat mich fuer zwei Wochen auf meinem Weg begleitet aber leider ist in Rijeka Zeit Abschied zu nehmen. Da Clemens den gleichen Bus nimmt wie Claudia, bringe ich die Beiden zum Busbahnhof. Als ich mich zuerst von Clemens verabschiede, sagt er: „… und mach immer irgendwelche Geraeusche beim Wandern, mit einem Stock oder indem Du Steine wegkickst oder ein Lied singst.“. Ich schaue ihn etwas verwirrt an und er fuegt hinzu: „Das vertreibt die Baeren.“. Claudia und ich haben viel zusammen erlebt, so ist der Abschied nicht ganz leicht.

Komische Zeichen ueber den kroatischen Buchstaben

Komische Zeichen ueber den kroatischen Buchstaben

Immer wieder merke ich, dass ich weit weg von zu Hause bin. Nicht nur dann, wenn ich auf die Landkarte schaue, sondern auch an kleinen Dingen ist die Distanz zu erkennen.  Obwohl ich die Buchstaben hier noch lesen kann, schreibt man in Kroatien bereits einige sonderbare Striche und Haeckchen ueber einzelne Zeichen. Die Sprache verstehe ich zwar schon lange nicht mehr, aber viele Leute sprechen mehr oder weniger gut Deutsch und/oder Englisch. Hier schaltet man das Licht auf der Toilette noch von Hand ein und aus, die Tueren schliessen nicht immer perfekt aber immer von Hand, teilweise ist ueber viele Kilometer keine Infrastruktur zu finden, juengere oder aeltere Ruinen findet man hier fast so viele wie bewohnte Haeuser, die Erde ist an einigen Stellen mit einem rostroten Stich versehen, einheimische Musik hoert sich oft melancholisch an, in der Naehe der Kueste riecht es nach Meer und nach Fisch, die Leute finden sich mit einer vorbildichen Genuegsamkeit zurecht und sind dabei keineswegs unzufriedener als bei uns und man muss sich vor wilden Tieren wie Baeren und Giftschlangen vorsehen.

Ausnahmsweise nicht so tolles Wetter, aber totzdem eine schoene Aussicht

Ausnahmsweise nicht so tolles Wetter, aber totzdem eine schoene Aussicht

Das erinnert mich an eine Situation, die Claudia und ich in Italien erlebt haben. Wir wandern zusammen durch den Wald, als Claudia hinter mir ploetzlich ruft: „Ooh, eine Schlange, eine ganz grosse!“. Ich drehe mich um und sehe im Dickicht eine silberne Schlange, die bestimmt 1.40 Meter lang sein muss. Als wir spaeter einen Einheimischen fragen, was es mit dieser Schlange auf sich hat, antwortet er: „Diese Schlange ist nicht so giftig, wenn man von ihr gebissen wird, dann hat man noch ca. eineinhalb Stunden Zeit in den Spital zu gehen. Aber vor der Schlange mit dem kleinen Hoernchen auf dem Kopf muesst Ihr aufpassen.“. Wirklich beruhigt sind wir danach nicht, zumal dieses hochgiftige Tier auch auf Baeume klettert. Aber dafuer wandern wir danach vorsichtiger.

Der Wanderweg entlang der Kueste der Adria zwischen Rijeka und Jadranova

Der Wanderweg entlang der Kueste der Adria zwischen Rijeka und Jadranova

Ivan und ich gehen der Kueste entlang und finden abseits der stark befahrenen Kuestenstrasse wunderschoene Wanderwege, die uns an Klippen, einsamen Straenden und durch Waelder fuehren. Ich bin froh, dass er noch bei mir ist und dass er Erlebnisse, Eindruecke und Erfahrungen mit mir teilt. Als wir Senj erreichen, verabschiede ich mich auch von ihm und werde mir ploetzlich bewusst, dass ich ab jetzt wieder auf mich alleine gestellt bin. Mit etwas Schwermut mache ich mich auf den Weg in eine zweite Wueste, das Gebirge von Kroatien. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich noch nicht, dass viele tolle und wertvolle Bekanntschaften in dieser einsamen Gegend auf mich warten, waehrend ich durch den wunderschoenen Velebit National Park gehe.

Wanderweg durch durch die zerfurchten Felsen des Velebit National Parkes

Wanderweg durch durch die zerfurchten Felsen des Velebit National Parkes

Ich bin sehr froh darueber, dass Claudia und Ivan so viel mit mir geteilt haben. Vor allem bin ich aus irgendeinem Grund auch erleichtert, dass sie wissen was es bedeutet, sich einen Weg suchen zu muessen, wenn man nicht mehr weiter kommt.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzaehlen.

Sicht von Karlobag auf die Nachbarinsel Pag

Sicht von Karlobag auf die Nachbarinsel Pag

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