In den Kroatischen Bergen

Cesta Terezijana

Cesta Terezijana

Eine der wenigen Wasserstellen in den Bergen, leider ausgetrocknet

Eine der wenigen Wasserstellen in den Bergen, leider ausgetrocknet

Am Morgen des 1. August beschliesse ich, von der kleinen Kuestenstadt Karlobag wieder hoch in die Berge zu gehen. Nachdem ich die Karten genau studiert und mich mit ein paar Ortskundigen unterhalten habe, weiss ich, dass ich da oben nicht viel finden werde. Fuer die Uebernachtung habe ich mir einen Plan A und einen Plan B zurechtgelegt. Von einer sympatischen Frau bekomme ich den Tip, ich solle den „Cesta Terezijana“ wandern. Offenbar handelt es sich dabei um einen Weg bzw. eine Strasse, die mehrere Jahrhundert alt sein muss. Tatsaechlich ist der Weg sehr schoen, wenn auch teilweise nicht sonderlich gepflegt. Aber leider verlaufe ich mich zwei Mal und irgendwo suche ich lange nach dem Weg, der auf der Karte wohl eingezeichnet ist, aber im Gelaende nicht (mehr) existiert. Der Umweg kostet mich viel Zeit. An diesem Tag verliere ich gut einen halben Tag, ohne dass ich sehr weit gekommen bin und somit fallen Plan A und B fuer die Uebernachtung ins Wasser. Irgendwie scheint es das Schicksal aber gut mit mir zu meinen. Auf dem Weg treffe ich naemlich ein aelteres Ehepaar. Wenn man so in der Wildnis unterwegs ist, dann bleibt man stehen, wenn man endlich jemanden sieht, man gruesst einander und plaudert ein wenig bevor man wieder weiter zieht. Wie ich mit diesen Leuten rede, geben sie mir zu verstehen, dass sich auf meinem Weg ein ganz neues Biwak befindet. Zwei Stunden spaeter treffe ich noch einen Wanderer, der mir das Gleiche erzaehlt.

Das moderne erst einen Monat alte Biwak, wo ich die Nacht verbringe

Das moderne erst einen Monat alte Biwak, wo ich die Nacht verbringe

Biwak von innen

Biwak von innen

Kurzerhand ersetze ich meinen Plan A und B durch Plan C und mache mich auf die Suche nach diesem Biwak, das offenbar erst ein Montat alt und somit noch auf keiner Karte eingetragen ist. Und in der Tat finde ich ein nigelnagelneues Biwak. Es ist zwar sehr klein und hat keine Matratzen, aber es ist modern, ich finde Wasser und es ist gemuetlich. Mir bleibt genug Zeit um den Gipfel mit dem Namen „Ždrilski kuk“ gleich neben dem Biwak zu erklimmen. Von da oben aus darf ich eine Aussicht geniessen, die so wunderschoen ist, dass ich mehr als eine Stunde sitzen bleibe und den Ueberblick ueber die nahegelegenen Inseln, die Berge und das Meer geniesse und aufsauge. Erst die hereinbrechende Dunkelheit zwingt mich, diesen schoenen Ort wieder zu verlassen.

An diesem Abend gibt es Mueslifocken mit Wasser angeruehrt zum Abendessen. Ich schlafe sehr schlecht auf dem harten Brett und am Morgen tun mir alle Knochen weh. Zum Fruehstueck gibt es wieder Muesliflocken. Danach mache ich mich auf zum naechsten Biwak, das gestern noch Plan B war. Auf mich wartet eine lange uns muehsame Strecke durch den Wald, die mehr einem Hindernislauf als einem Weg gleicht. Der Pfad fuehrt staendig auf- und abwaerts, es liegen Baeume, Aeste und Felsen im Weg und sehen tut man nichts anderes als Wald, mehrere Kilometer weit. Da ich am Morgen keinen Kaffee hatte und dadurch Kopfschmerzen bekomme, macht die Sache nicht besser und ich merke, dass ich langsam einen Hungerast bekomme. Gegen Mittag erreiche ich endlich das Biwak und bin so muede, dass ich mich gleich eine Stunde schlafen lege.

Kilometerweit nichts als Wald in den Bergen

Kilometerweit nichts als Wald in den Bergen

Die Aussicht vom Ždrilski kuk Gipfel (1165)

Die Aussicht vom Ždrilski kuk Gipfel (1165)

Als ich spaeter wieder aufwache, spuehre ich den Hunger noch mehr und beschliesse, die Berge wieder zu verlassen. Also mache ich mich auf den Abstieg durch den Dschungel zurueck zur Kueste. Endlich komme ich unten an und bin so geschafft, dass ich mir die erste Uebernachtungsmoeglichkeit nehme, die sich mir bietet. Es ist ein Einsterne-Zimmer, ohne Dusche, ohne Essen, ohne Fensterscheiben und gleich neben der Kuestenstrasse, das mir ein sehr altes Ehepaar zur Verfuegung stellt. Als ich mich nach einer Moeglichkeit zum Essen erkundige, bekomme ich zur Antwort, dass das naechste Restaurant 10 Kilometer weiter weg liegt. Ich muss wohl so enttaeuscht dreingeschaut haben, dass mir der alte Herr sein Abendessen und zwei Stuecke Brot bringt. Gierig schlinge ich das Essen in mich hinein. Um acht lege ich mich schlafen und erwache erst um sieben Uhr am Morgen wieder. Zum Fruehstueck macht mir die alte Frau sogar noch Ruehreier und Kaffee. Ich bin gluecklich!

Am Morgen vor dem Biwak kurz vor der Weiterreise

Am Morgen vor dem Biwak kurz vor der Weiterreise

Mein GPS sagt mir, dass ich am vorletzten Tag 9 Kilometer und am letzten Tag 4.5  Kilometer weit gekommen bin. Das ist sehr entaeuschend, denn an einem normalen Tag komme ich fast doppelt so weit wie in den letzten zwei Tagen. Ich wandere der Kuestenstrasse entlang weiter Richtung Starigrad und das ist gar nicht so schlecht, denn ich komme fast 28 Kilometer weit und habe erst noch eine schoene Aussicht auf das Meer zu meiner Rechten und auf die Berge zu meiner Linken. In Starigrad nehme ich mir ein gutes Hotel. Die Dame am Empfang sagt mir, dass leider alle normalen Zimmer belegt sind, aber sie koenne mir eine Familien Suite zum Preis von einem normalen Zimmer anbieten. Dagegen habe ich natuerlich nichts einzuwenden und lege gleich noch einen Ruhetag ein.

Mit Frank auf dem Boot

Mit Frank auf dem Boot

Am 4. August treffe ich Frank, den ich in der Braunschweigerhuette kennengelernt habe. Er macht derzeit Urlaub in Starigrad und laedt mich auf sein Boot ein. Er erklaert mir viel ueber die Umgebung hier in Kroatien. Zusammen geniessen wir die Bootsfahrt auf dem Meer und schwimmen eine Runde. Was fuer eine Abwechslung und ein Gegensatz zu dem, was mich in den letzten paar Wochen begleitet hat.

Spuren der Jugoslawienkriege in Maslenica

Spuren der Jugoslawienkriege in Maslenica

Zwischen Starigrad und Zadar lieg ein weiteres grosses Nichts, das ich ueberwinden muss. Ausserdem finde ich auf der Karte auch keine Wanderwege, sondern nur diese eine Strasse, die mich immer wieder begleitet, da wo die Autos mit 80 Km/h an einem vorbei fahren. Ich moechte moeglichst schnell wieder an die Kueste kommen, an das Meer, dort wo das Leben stattfindet und dort wo ich eine angenehme Moeglichkeit zum Uebernachten finde. Am Vorabend haben Frank, seine nette Familie und ich zusammen zu Abend gegessen und so bin ich wieder zu Kraeften gekommen. Ich marschiere los und bewaeltige die gesamte Strecke von Starigrad nach Zadar an einem Tag. Ich laufe so lange, bis ich Abends um neun Uhr das Meer wieder sehe. Unterwegs komme ich bei Maslenica an einem alten Motel vorbei, das seit ueber 20 Jahren leer steht. Es wurde waehrend dem Krieg von den Armeen als strategischer Punkt verwendet. Als ich die Einschussloecher in den Waenden sehe, wird mir bewusst, dass hier wahrscheinlich viele Menschen gestorben sind und dass genau hier der Krieg besonders gewuetet haben muss.

Typisch fuer diese Gegend sind die Steinmauern und die Olivenbaeume

Typisch fuer diese Gegend sind die Steinmauern und die Olivenbaeume

Von Zadar aus wandere ich weiter der Kueste entlang, wo ich nach Biograd einen schoenen Nationalpark finde. Der Vransko jezero See, der in diesem Park liegt, ist der groesste natuerliche See von Kroatien. Ab hier geniesse ich den Weg sehr, denn die unzaehligen, Kilometer langen Steinmauern und die Olivenplantagen, die seitlich meinen Weg saeumen, praegen das Landschaftsbild. Als ich in Pirovac ankomme, mache ich mich auf die Suche nach einer Unterkunft. Nachdem ich mich zwei Stunden lang erfolglos durchgefragt habe, rufe ich verzweifelt einem Taxi Service an und klage mein Leid am Telefon. Die Taxifahrerin spricht gut Englisch, sie holt mich ab, laesst ihre Beziehungen spielen und nach einer Stunde findet sie die wahrscheinlich allerletzte Moeglichkeit, in dieser Ortschaft zu uebernachten. Ich bin erleichtert aber gleichzeitig auch etwas beunruhigt, denn ich mache mir Gedanken, wie ich kuenftig eine Unterkunft finden soll. Schliesslich bin ich in Kroatien an der Kueste in der Hochsaison. Und das scheint die ganze Welt auch zu sein.

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