Gefangen im schoenen Nirgendwo

Das Matterhorn in Kroatien

Das Matterhorn in Kroatien

Mein Zick-Zack Kurs führt mich am Vormittag jeweils nach Möglichkeit hinauf in die Berge wo es schön ist und am Abend wieder runter an die Küste, damit ich Essen, Trinken und Übernachtung finde. Die Berge in Kroatien muss man sich anders vorstellen als in der Schweiz. Bei uns gibt es hohe Berge mit Baumgrenzen und mit gut ausgebauten Wanderwegen. Die Wege sind so gut markiert, dass man weiss wohin er führt, wie weit es noch bis zum Ziel ist und wie lange dass es noch bis dahin dauert. Meistens gibt es zuoberst sogar noch ein Restaurant, wo man von einer jungen Frau in Tracht bekleidet bedient wird. Hier in Kroatien ist das anders. Die Berge sind maximal zwischen 200 und 1500 Meter hoch, meistens wachsen Bäume bis zuoberst und es gibt nicht besonders viele Wege in den Bergen. Noch viel seltener sind diese als Wanderwege markiert, und wenn sie es sind, dann kann man sich nicht immer darauf verlassen, dass der Weg auch irgend wohin führt. Manchmal endet er einfach so im Nirgendwo und man ist gezwungen umzudrehen. Abseits der Wege zu gehen liegt aus verschiedenen Gründen nicht drin. Einerseits ist es schwierig da durch zu gehen, da die Felsen und Steine so scharfkantig sind, dass man Füsse und Schuhe daran kaputt macht. Meistens wird die Umgebung durch Dornengestrüpp und Wildwuchs versperrt, dass ein Durchkommen unmöglich macht. Und wenn es möglich wäre, dann muss man sich vor Giftschlangen und Landminen aus dem Krieg in Acht nehmen. Also immer schön auf dem Weg bleiben in den kroatischen Bergen.
An einem Morgen mache ich mich frohen Mutes auf in die nicht so hohen aber auch nicht so gut dokumentierten Berge. Auf meinem GPS endet der Weg zuoberst, während meine sehr ungenaue Karte (1:200’000) den Weg durchgehend anzeigt. Am Fusse des Berges frage ich eine Früchteverkäuferin, ob der Weg auf der anderen Seite auch wieder hinunter führt. Sie weiss es nicht, ruft aber ihren Vater an, der bestätigt, dass der Weg durchgehend ist und auf der anderen Seite wieder runter ins Tal geht. Zum Abschied schenkt mir die Verkäuferin zwei Pfirsiche und ich mache mich auf den Aufstieg. Zuoberst suche ich fast eine ganze Stunde lang nach dem Weg, bis ich ihn zwischen Gebüsch und Ruinen endlich finde.

Die grüne und sehr ruhige Ebene

Die grüne und sehr ruhige Ebene

Während dem Abstieg öffnet sich mir einen Ausblick auf eine grosse Ebene, die so wunderschön ist, dass ich ein paar Sekunden brauche um zu merken, wie ich mit offenem Mund da stehe und die Aussicht geniesse. Rund um die Ebene sind die Berge zu einem grossen U angeordnet. Dazwischen liegt diese flache und überaus grüne Ebene. Zwei Flüsse fliessen – nein, sie fliessen nicht, sie stehen – durch und dazwischen erkenne ich einige gerade Wege. Das Besondere daran ist, dass ich diese einzigartige Ruhe bis oben auf den Berg wahrnehme. Nichts bewegt sich, es ist nichts zu hören und auch sonst zeugt nichts von Aktivitaet da unten, obwohl auf der anderen Seite sogar ein Dorf liegt. „Etwas zu ruhig“ denke ich und steige weiter den Berg hinunter, bis ich zuunterst ankomme und vor einem relativ neuen Haus stehe. Es ist ein Restaurant, das aber abgeschlossen ist. Unmittelbar vor dem Haus befindet sich das eine stehende Gewässer und rund um das Haus finde ich weder eine Strasse noch einen Weg. „Wenn hier ein neues Haus steht, dann muss es doch auch einen Weg geben…“ kombiniere ich, bis es mir wie Schuppen von den Augen fällt: „Das Wasser ist der Weg!“ kommt es mir in den Sinn.

Gefangen in der wunderschönen Sackgasse

Gefangen in der wunderschönen Sackgasse

Langsam wird mir bewusst, dass ich an diesem wunderschönen Ort gefangen bin und dass der einzige Weg hier raus, wieder alles zurück über den Berg und zur Früchteverkäuferin bedeutet. Irgendwie bin ich verwirrt, denn ich weiss nicht, ob ich frustriert sein soll, dass ich den ganzen Weg umsonst gemacht habe, oder ob ich die Stille, die Kraft und die Einzigartigkeit dieses Ortes geniessen soll. Gerade habe ich mich mit meiner Situation abgefunden und ziehe meinen Rucksack wieder an, als ich ganz leise ein Motorengeräusch höre. Ich ziehe meinen Rucksack also wieder aus und lehne mich so laessig wie moeglich an das Gelaender.

Mit Nino auf dem Boot zurück zum Ausgangspunkt

Mit Nino auf dem Boot zurück zum Ausgangspunkt

Nach ein paar Minuten kommt ein Fischer mit seinem Boot auf dem Wasser daher. Ich winke ihm zu und er hält sein kleines Schiff vor mir an. Sein Name ist Nino und er erklärt mir irgendetwas auf kroatisch was ich nicht verstehe. Irgendwie erklärt er mir, dass er nach Podgradina unterwegs ist, also zu dem Ort, wo ich am Vormittag los gelaufen bin. Ich steige zu ihm ins Boot und stehe um 13:00 Uhr wieder vor der Früchteverkäuferin. Wir müssen lachen ab der Tatsache, dass ich über 17 Kilometer weit gewandert bin, aber 0 Kilometer weit gekommen bin.
An einem anderen Morgen finde ich einen sehr schönen Weg auf ca. 300 Meter über Meer, der mir immer wieder einen wunderbaren Ausblick auf die Dörfer, die Küste, das Meer und die Nachbarinseln bietet. Wie ich so am wandern bin und einmal aufblicke, steht da plötzlich ein junges Fohlen vor mir auf dem Weg. Ich bleibe stehen und wir glotzen uns eine Weile an. Dann gehe ich weiter an dem Fohlen vorbei und komme wenig später zu einem Wohnwagen, wo jemand darin beschäftigt ist. „Hello!“ sage ich und der Mann und ich kommen ins Gespräch. Sein Name ist Igor und ich empfinde ihn als sehr sympatischen und herzlichen Mensch, nicht gespielt, sondern von innen heraus. Er lädt mich zu einem Kaffee in seinem bescheidenen Zuhause ein und erzählt mir viel von seinem Leben. Igor ist 45 Jahre alt, pflegt hier oben seine Olivenbäume und wohnt eigentlich unten an der Küste, so wie die meisten anderen auch. Während wir miteinander reden, kommt immer wieder das Fohlen vorbei.

Das neugierige und doch ängstliche Fohlen

Das neugierige und doch ängstliche Fohlen

Es ist neugierig genug, uns zu besuchen aber zu ängstlich, sich streicheln zu lassen. Igor erzählt mir, dass er pensioniert ist. Ich zeige mich erstaunt und sage „Das ist doch toll, mit 45 pensioniert zu sein!“. Er macht jedoch nicht so ein glückliches Gesicht und erzählt mir, dass er mit gut 20 Jahren in den Krieg eingezogen wurde. Dann reden wir viel über den Krieg und über seine Erlebnisse in dieser Zeit. Er war damals in deisem Motel in Maslenice, an dem ich vorbei gekommen bin und von dem ich Fotos gemacht habe. „Die Serben kamen mit Panzern, aber wir hatten keine Waffen um uns gegen die Panzer zu wehren. Aber wir hatten Mut, und damit haben wir die Panzer besiegt.“ erzählt er mir. Auch die kroatischen Berge werden zum Thema und er sagt, dass es oft nicht die Granaten waren, die seine Freunde im Krieg umgebraucht haben, sondern die Splitter der aeusserst kompakten Felsen. „These damn mountains.“ sagt er und schaut ein paar Sekunden lang vor sich ins Leere. Dann wiederholt er: „These damn mountains.“
Vor ein paar Tagen finde ich keinen Weg hinauf in die Berge, weder auf der Karte noch auf dem GPS. Da bleibt mir leider nichts anderes übrig, als auf der stark befahrenen Küstenstrasse zu gehen. Nach ein paar Stunden habe ich genug davon, alle 2 Sekunden von einem Auto oder Lastwagen überholt und alle fünf Minuten angehupt zu werden. Also versuche ich, mir diese Last zum Nutzen zu machen und probiere es mit Autostopp. Aber keiner der Vorbeibrausenden hat Interesse daran, mich verschwitzten Kerl auf seinem schönen Lederpolster mitfahren zu lassen. Ich probiere eine neue Strategie und frage mich zur nächsten Busstation durch. Als ich diese endlich finde, sehe ich gerade den Bus abfahren und ich warte eine Stunde auf den nächsten Bus. Dieser braust aber auch an mir vorbei, weil ich wahrscheinlich zuwenig auf mich aufmerksam gemacht habe. Die halten nicht einfach so an, die Busse hier, da muss man schon was dafür tun. Ein starkes Gewitter zieht auf und ich hechte heftig winkend auf die Strasse bei jedem Bus der vorbei fährt.

Kein Sonnenschein, dafür angenehme Temperaturen beim Wandern

Kein Sonnenschein, dafür angenehme Temperaturen beim Wandern

Kein einziger hält an, weil es alles Touristenbusse und keine Linienbusse sind. Irgendwann sind zweieinhalb Stunden vergangen, ich bin nass, ich friere, ich habe schlechte Laune und ich habe die Schnauze voll. Auf der anderen Seite der Strasse steht ein Restaurant wo ich mein Glück versuche und nach einem Zimmer frage. „Muss Scheff fragen.“ war die Antwort. Und tatsächlich, ich habe Glück. Der Chef hat ein Zimmer frei, das ich sogar noch um 20 Euro runter handeln kann. Nach diesem Tag bin ich bereit, etwas an meiner künftigen Reisestrategie zu ändern. So weit laufe ich nicht mehr dieser befahrenen Strasse entlang! Ich muss mich selber darüber belehren, dass ich niemandem etwas zu beweisen habe und dass ich für solche Erlebnisse nicht fünf Monate Urlaub genommen habe. Aber ich muss mir leider auch eingestehen, dass das Finden des Weges in Montenegro und Albanien wahrscheinlich eher schwieriger wird, zumindest bis ich den Via Egnatia erreiche, der dann wieder dokumentiert und somit geführt ist. Das könnte bedeutet, dass ich die nächste Zeit öfters mit dem Bus fahren werde. Ist auch schön …

Über den Dächern von Dubrovnik auf der alten Stadtmauer

Über den Dächern von Dubrovnik auf der alten Stadtmauer

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