So trifft man sich wieder

Auf dem Weg nach Dubrovnik wandere ich in den nicht sehr hohen kroatischen Bergen und treffe irgendwann auf zwei Mountainbiker. Ich bin sehr erstaunt, denn hier in Kroatien sind Moutainbiker sehr selten, ich kann an einer Hand abzaehlen, wieviele davon ich gesehen habe. Von weitem hoere ich, dass die beiden miteinander Deutsch reden. Also halte ich an und fange an mich mit ihnen zu unterhalten. Julia und Chris kommen aus Deutschland und machen mit dem Wohnmobil aktiven Urlaub in verschiedenen Laendern des Balkan, unter anderem in Kroatien. Wie wir so plaudern und Meinungen austauschen scheinen wir uns ganz gut zu verstehen. Dann verabschieden wir uns wieder und meine Wanderung geht weiter in Richtung Dubrovnik. Die letzten zehn Kilometer fahre ich mit dem Bus, da ich sonst auf der Kuestenstrasse laufen haette muessen.

Kotor von oben

Kotor von oben

In dem sehr touristischen Dubrovnik bekomme ich ein schoenes Zimmer in der Altstadt und geniesse da zwei Tage lang die letzten Zuege von Kroatien. Am Abend vor meiner Abreise schlendere ich durch die Strassen an einem Restaurant vorbei, als auf einmal Julia und Chris nach mir rufen. Wir freuen uns riesig, dass wir uns noch einmal so unerwartet treffen. Sie erzaehlen mir, dass ihr naechstes Reiseziel Montenegro sei. Nachdem ich meinen Weg bereits etwas geplant habe, weiss ich, dass ich bis zur Grenze von Montenegro wieder nur noch Kuestenstrasse laufen muesste. Da ich das nicht mehr will, schlaegt Chris kurzerhand vor, dass ich mit ihnen mitfahren soll, und so habe ich tatsaechlich eine Mitfahrgelegenheit von Dubrovnik nach Herceg Novi, der ersten Stadt in Montenegro.

Die alte Stadtmauer von Kotor

Die alte Stadtmauer von Kotor

Von Herceg Novi aus habe ich grosse Plaene, denn auf der Strassenkarte die ich mir gekauft habe, sehe ich, dass es in den Bergen mehrere Berghuetten und verschiedene Wanderwege geben soll. Die erste Wandertour habe ich sehr ergeizig aber durchaus machbar geplant. Bis am fruehen Nachmittag laeuft eigentlich alles auch sehr gut und nach Plan, aber dann fuehle ich ploetzlich, dass es mir irgendwie nicht so gut geht. Mein Kopf und meine Augen fuehlen sich etwas fiebrig an und meine Glider schmerzen leicht. Ich kuerze die Tour ab und mache mich auf den Weg nach Kotor, dessen Altstadt wunderschoen ist und deshalb zum Unesco Weltkulturerbe zaehlt. Mein Hotelzimmer in der Altstadt ist ganz OK und so mache ich zwei Tage Pause, bis ich mich wieder besser fuehle und meine Plaene in den Bergen in die Tat umsetzen kann. Die Wanderung von Kotor hinauf in die Berge ist sehr spannend. Immer wieder darf man herrliche Aussichten zuerst hinunter auf Kotor, dann auf das Meer und die umliegenden Berge geniessen. Irgendwann sehe ich beinahe die gesamte Tour, die ich ein paar Tage zuvor nach Kotor gemacht habe.

Von hier ist fast ein ganzer Wandertag sichtbar

Von hier ist fast ein ganzer Wandertag sichtbar

Ich werde mich wohl nie an diese Aussichten gewoehnen, denn ich bleibe jedes Mal stehen und staune Minuten lang. Wieder laeuft alles gut, wieder bis zum Mittag. Ich laufe hoch in die Berge, erklimme drei oder vier Gipfel und mache mich ab da auf den Abstieg wieder runter zur Kueste. Vom letzten Gipfel jedoch scheint der Weg keinen Weg sondern ein „Nichtweg“ zu sein, so taufe ich ihn zumindest. Beim Nichtweg handelt es sich um einen Weg, der wohl auf der Karte und auf dem GPS eingetragen ist und der im Gelaende auch markiert ist, aber der auf dem Boden als Pfad nicht existiert. Man muss sich zwischen den Steinen also seinen eigenen Weg suchen. Eigentlich waere das kein grosses Problem, ausser dass deswegen meine gesamte Zeitplanung durcheinander kommt, da man ploetzlich nur noch halb so schnell geht wie auf einem normalen Weg oder Pfad. Ausserdem braucht man deutlich mehr Energie wie auf normalen Wegen und mein Wasser neigt sich auch langsam dem Ende zu.

Selbstportrait auf einem der Gipfel

Selbstportrait auf einem der Gipfel

Da es mittlerweile bereits 14:30 Uhr ist, mache ich mir Sorgen, dass ich es noch rechtzeitig bis zum Ziel schaffe. Sollte ich es nicht schaffen, wuerde das bedeuten, dass ich die Nacht im Freien verbringen muss. Ich kaempfe mich also durch diesen Nichtweg hindurch und bin heidenfroh, dass ich ein GPS dabei habe, denn die Wegmarkierung ist auch nicht sonderlich gut gekennzeichnet. Irgendwann gegen 19:00 Uhr komme ich endlich zu einem kleinen Dorf, das aber noch immer sechs Kilometer von der Kueste entfernt ist. Ich beschliesse erstmal Pause zu machen und besuche das erste Restaurant, das ich finde. Da ich total erschoepft bin, frage ich den Wirt, ob er vielleicht auch Zimmer zur Verfuegung haette. Mir faellt ein riesen Stein vom Herzen, als tatsaechlich Zimmer in diesem Restaurant vorhanden sind. Erst unter der Dusche merke ich, wieviel mir dieser Weg abverlangt hat. Ich kann kaum noch stehen, schaffe es aber doch noch runter zur Gaststube und bekomme eine meiner besten und unvergesslichsten Mahlzeiten auf meiner gesamten Reise. Und so endet dieser sehr ereignisreiche Tag doch noch so, dass ich mich muede aber gluecklich fuehle.

Berge in Montenegro mit "Nichtweg"

Berge in Montenegro mit „Nichtweg“

Zwei Tage spaeter mache ich mich auf Richtung Albanien. Eigentlich wollte ich alles der Kueste entlang gehen, aber ich finde heraus, dass der einzige Grenzuebergang zwischen Montenegro und Albanien suedlich des Skadarsko Jezero National Parkes ca. 20 Km noerdlich der Kueste liegt. Die Strasse zwischen Bar (Montenegro) und der Grenze ist jedoch nicht so schlimm, weil sie sehr schlecht gebaut ist und die Autos meistens weniger als 50 Km/h fahren. Irgendwann auf dem Weg mache ich Pause, setze mich auf einen Stein neben der Strasse und schaue die Autos an, die vorbei fahren. Da dies die einzige Verbindungsstrasse zwischen Montenegro und Albanien ist, kommen die wenigsten Autos aus Montenegro oder Albanien, die meisten sind aus anderen europaeischen Laendern. Wie ich da so sitze, faehrt auf einmal ein VW-Bus mit deutschem Kennzeichen an mir vorbei und ein bekannter Blondschopf schaut mich aus dem Fenster an. „Chris!“ schreie ich und winke mit dem Armen, aber Chris und Julia haben mich natuerlich schon laengst gesehen und halten an. Die Freude ist gross und das Wiedersehenshallo auch. Wir lachen und freuen uns darueber, dass wir uns nun schon zum dritten Mal per Zufall treffen.

Schnell und unvergesslich, die Fahrt auf dem Dreirad mit den Romas

Schnell und unvergesslich, die Fahrt auf dem Dreirad mit den Romas

Kaum komme ich in Albanien an, scheint alles anders zu sein. Die Romas scheinen sich hier jeden Trick einfallen zu lassen, um irgendwie mit Betteln an Geld zu kommen. Vor der Grenze ist es am schlimmsten, denn hier ist regelmaessig Stau und die Bettler sprechen die Leute durch die offenen Fenster an. Auch ich werde angebettelt, aber zum Glueck nicht sehr lange. Ich scheine wohl auch nicht sehr reich auszusehen. Nach ein paar Minuten mache ich aber dennoch eine Bekanntschaft mit den Romas. Diese komischen Vortbewegungsmittel sind mir schon frueher aufgefallen. Es ist eine Art Motorrad, das aber drei Raeder und vorne eine Ladeflaeche hat. Keines dieser Vehikel ist gleich, jedes ist individuell und einzigartig. Und immer sitzen Romas darauf, auch immer ohne Helm oder sonstige Sicherheit. Eben eines dieser Dinger kommt mir entgegen, auf der Ladeflaeche eine Frau und hinten auf dem Sattel ein Mann. Der Mann gestikuliert irgendwas und ich gestikuliere zurueck. Dann wendet der Roma sein Ladeflaechenmotorrad und haelt es vor mir an. Er will mich nach Shkodër bringen, fuer fuenf Euro. Ich ueberlege ein bisschen hin und her und sage ja, lade meinen Rucksack auf und steige dann selbst auf Ladeflaeche zu der Frau und meinem Rucksack. Die Fahrt ist schnell, speziell, kriminell, einzigartig, unvergesslich, lustig, abenteuerlich, gefahrlich, achterbahnmaessig, aufregend und adrenalinfoerdernd. Waehrend der Fahrt bekomme ich von der Romafrau eine Wassermelone geschenkt, waehrend hinten der Mann mit einem breiten Grinsen sein schlingerndes Fahrgeraet lenkt, vorbei an Leuten, Eseln, Ziegen und Kuehen die auf der Strasse stehen. Die Fahrt endet direkt vor einem Viersternehotel kurz vor Shkodër. Ich lebe noch und verspreche mir selbst, dass ich die Fahrt zwar in guter Erinnerung behalten, wohl aber nie mehr in ein solches Ding steigen werde.

Einer der ueber 700'000 verbleibenden Bunker in Albanien

Einer der ueber 700’000 verbleibenden Bunker in Albanien

Am naechsten Morgen mache ich mich auf den Weg nach Shkodër, wo ich versuche Kartenmaterial fuer Albanien zu finden. Ich finde nicht einmal einen anstaendigen Buchladen in dieser Stadt, geschweige denn eine Landkarte in irgendeiner Form, wo mehr als nur die Autobahnen drauf sind. Es wird Mittag, ohne dass ich auch nur einen einzigen Schritt weiter gekommen bin. Waehrend der Frust steigt und die Motivation sinkt, spricht mich ploetzlich ein Mann auf der Strasse an. „Hier wollen alle Dein Geld.“ denke ich und gebe ihm zur Antwort: „Sorry, I only speak English:“. Er antwortet in sauberem Englisch und ich habe ploetzlich jemanden, mit dem ich mich unterhalten kann. Er hoert mir genau zu und laedt mich dann zu einem Kaffee ein. Er will zwar mein Geld, aber nicht viel und er ist auch bereit etwas zu tun dafuer. Seit seiner Geburt lebt er in Albanien, er ist 58 Jahre alt und hat den Kommunismus noch miterlebt. Laut seiner Aussage kann ich das mit den Wanderwegen und den Landkarten in Albanien vergessen. Dann sagt er mir, dass er mich fuer 50 Euro nach Durrës bringt, die Stadt wo der Via Engatia beginnt. Nach langem, sehr langem Ueberlegen willige ich ein, denn ich muss einmal mehr einsehen, dass es keine dokumentierten Wanderwege zwischen Shkodër und Durrës gibt und dass ich mich nicht 130 Kilometer zu Fuss auf der Autobahn quaelen will.

Diese Frau fragt mich zwei Mal, weshalb ich Albanien besuche

Diese Frau fragt mich zwei Mal, weshalb ich Albanien besuche

Nachdem ich einen Tag lang auf dem Via Engatia gelaufen bin, komme ich in Kavajë an. Irgendwie hole ich mir jedoch eine Magenverstimmung und sitze nun hier seit fuenf Tagen fest. Ich hoffe, dass ich bald wieder weiter komme und Euch von schoenen Erlebnissen berichten darf. Bis bald…

PS: Bevor ich diesen Eintrag abschliesse, moechte ich Euch dieses Foto erklaeren. In einem kleinen Laden decke ich mich mit Getraenken ein und komme ins Gespraech mit der Besitzerin. Ihre Tochter und ihre Mutter sind auch anwesend. Kaum jemand hier begreift, dass ich Ferien in Albanien mache. Als ich den Wunsch aeussere, dass ich mit der Grossmutter auf ein Foto will, lachen zuerst alle. Dann wird vor dem Bild das Kopftuch der alten Frau neu gebunden, der Kragen zurecht gerueckt und das oberste Knoepfchen der Bluse zugemacht, damit alles seine Ordnung hat.

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