Der Via Egnatia

Eine winzig kleine Schildkroete

Eine winzig kleine Schildkroete

Der Via Egnatia

Der Via Egnatia

Nachdem ich in Albanien nach sieben Tagen und einer heftigen Magenverstimmung wieder auf die Beine komme, kann ich – mit einem noch immer etwas flauem Magen – den zweiten Tag des Via Egnatia antreten. Der Via Egnatia ist eine Strasse, die von den Roemern ca. 200 vor Christus gebaut wurde und von Durrës in Albanien bis nach Istanbul in der Tuerkei fuehrt. Heute ist diese Strasse zwischen Durrës und Thessaloniki als Wanderweg ausgebaut und dokumentiert, wo einige alte Wegstuecken sogar noch sichtbar sind, so wie sie von den Roemern gebaut und von den Byzantinern und Ottomanen erweitert und gepflegt wurden. Ich mache mich am 5. September also auf den Weg nach Peqin und begegne unterwegs einigen Schildkroeten. Trotz den vielen Warnungen ueber Albanien, die ich vor und waehrend meiner Reise von verschiedenen Leuten bekommen habe, mache ich ausschliesslich gute Erfahrungen mit den Menschen, denen ich begegne. Ich erlebe jedoch ein ganz anderes Problem in diesem Land, das bisher niemand angesprochen hat. Was mich am meisten stoert ist der Muell, der hier ueberall herumliegt. Entlang der Strassen und Wege liegt vielerorts Abfall, der entweder aus den Autos geworfen oder gleich mit ganzen Ladungen entsorgt wird. In der Naehe einer Stadt sehe ich sogar einen toten Esel, der jemand am Strassenrand hinterlaesst. Ich kann und will nicht begreifen, dass ein Volk so respektlos mit seinem eigenen Land umgehen kann. Ein paar Mal spreche ich das Problem auch vor den Einheimischen an und es sieht tatsaechlich so aus, dass die Leute sich dessen durchaus bewusst sind und es auch als Problem sehen. Trotzdem liegt der Muell rum, denn niemand scheint sich einer professionellen Entsorgung dieser Abfallberge annehmen zu wollen.

Bunker werden mit der Zeit zerstoert

Bunker werden mit der Zeit zerstoert

Der Via Egnatia

Der Via Egnatia

Was ich auch immer wieder sehe, sind diese Bunker. Ich habe es schon einmal kurz in meinem letzten Beitrag erwaehnt, dass in Albanien noch ca. 700’000 von diesen Betonmonstern stehen. Einige davon werden inzwischen sogar zerstoert, da man mit den darin enthaltenen Armierungseisen offenbar Geld machen kann. Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass das Zerstoeren eines Bunkers weniger kostet, als der Ertrag, der durch die Armierungseisen daraus entsteht. Wie auch immer, obwohl diese Gebilde hier einen speziellen Charakter geniessen und von einer (zum Glueck) vergangenen Zeit zeugen, finde ich es irgendwie schoen, dass sie langsam zurueckgebaut werden. Ein paar Mal betrete ich auch die Bunker und besichtige die langen Gaenge und die Wandmalereien, welche ueber die Jahre entstanden sind. Ein Bauer erzaehlt mir, dass er fuenf dieser Bunker besitzt. Etwas verwirrt frage ich ihn, wie man denn einen Bunker besitzen kann. Er erklaert, dass wenn ein Bunker auf dem Land steht, das einem gehoert, dann ist man automatisch auch gleich der Eigentuemer dieses Bunkers und darf ihn verwenden wie man will. Aha, so ist das also …

Eine albanische Frau bei der Arbeit

Eine albanische Frau bei der Arbeit

Verschiedenfarbige Berge in Albanien

Verschiedenfarbige Berge in Albanien

Wenn immer irgendwie moeglich, versuche ich am Abend jeweils in einem Hotel unterzukommen. Am Ende eines Tages finde ich jedoch kein Hotel weit und breit, was auch in der Dokumentation so erwaehnt wird. Dort steht jedoch die Adresse einer Bauernfamilie, die gastfreundlich ist und die Wanderer, welche den Via Egnatia gehen, gerne aufnehmen. Ich versuche also mein Glueck und werde tatsaechlich herzlich als Gast behandelt. Ich bin sehr geruehrt, denn ich sehe wie einfach diese Leute ihr Leben verbringen und dennoch keine Sekunde zoegern, mich zu beherbergen. Einzig die Sprache bleibt an diesem Tag leider eine grosse Barriere zwischen uns. Gerne haette ich mehr ueber die Familie erfahren und ich merke, dass auch sie gerne mehr ueber mich gewusst haetten. Es bleibt jedoch bei der Zeichensprache, mit der wir uns verstaendigen koennen. Zum Abschied gibt es eine herzliche Umarmung von Grossvater, Grossmutter, Mutter und Vater. Die Kinder schlafen noch, als ich mich am fruehen Morgen wieder auf den Weg mache.

Zwei Mal am Tag faehrt ein Zug auf dieser Strecke

Zwei Mal am Tag faehrt ein Zug auf dieser Strecke

Das Kreissaegenmobil

Das Kreissaegenmobil

Ich wandere ueber eine weitere Landesgrenze und komme in Mazedonien an. Wie schon beim letzten Mal habe ich wieder dieses Gefuehl, dass ich zwar nur einen Strich auf der Landkarte uebertrete, sich aber dennoch viel veraendert, wenn man in einem anderen Land ankommt. Das Gehen gefaellt mir wieder besser hier und ich durchwandere die naechsten fuenf Tage Mazedonien. Eigentlich habe ich mir selbst geschworen, nie mehr auf so ein fahrendes Ding zu sitzen, das von einem Roma gebaut wurde. Kurz vor Bitola jedoch sehe ich das „Kreissaegenmobil“, wie ich es nenne, auf dem zwei Romas sitzen und an mir vorbei fahren. Es ist eine Art Auto, das zwar keine Karosserie hat, dafuer ist vorne eine Kreissaege installiert. Das Ding faehrt also an mir vorbei, bis ich es nicht mehr sehen kann. Dann dreht es um, haellt vor mir an und der Roma sagt zu mir: „Steig auf!“. Wie von Sinnen gehorche ich ihm. Er sagt mir nicht wohin er faehrt und ich frage ihn auch nicht danach, wir fahren einfach mal drauflos. Es wird eine Hoellenfahrt, ich habe Angst aber irgendwie ist es auch lustig und ich habe Spass. An diesem Gefaehrt sind alle beweglichen Teile sichtbar angebracht, keines davon ist in irgend einer Art und Weise geschuetzt. Wenige Zentimeter neben mir dreht ein grosses Schwungrad mit Keilriemen und ich muss aufpassen, dass ich mich nicht darin verfange. Unter mir dreht eine Kurbelwelle und hinter mir schwappt das Wasser des Kuehlers staendig ueber. Ich bin froh, als mich der Roma im Zentrum von Bitola absteigen laesst.

Ein Auto mitten im Wald in Mazedonien

Ein Auto mitten im Wald in Mazedonien

Irgendwann beziehe ich an einem Bankomaten mazedonische Dinar fuer ca. 200 Euro und merke mit der Zeit, dass ich das Geld nicht los kriege. Alles ist auesserst guenstig hier und ich befuerchte, dass ich auf den Dinars sitzen bleibe. Sogar als ich das Hotel bar bezahle, werde ich Dinars im Wert von nur 10 Euro los. Und so verlasse ich Mazedonien und habe immer noch Dinar im Wert von ca. 60 Euro in der Tasche. Wer guenstig Ferien machen will, der sollte unbedingt nach Mazedonien fahren.

Endlich am Ziel

Endlich am Ziel

Und dann, endlich!!! Ich bin in Griechenland. Ich habe mein Ziel erreicht. Wieder ueberkommt mich dieses Gefuehl, dass nach der Grenze alles anders ist. Es liegt kaum noch Abfall herum hier, die Haeuser sehen viel gepflegter aus, die Leute haben eine andere Mentalitaet und die Sprache ist natuerlich auch anders. Am Abend sind die Strassen voll mit Menschen, sie treffen sich zum Kaffee und sie sprechen miteinander. Fast fuehle ich mich wie zu Hause, aber eben nur fast. Und dann ist da auch noch ein anderes Gefuehl, das mich etwas verwirrt. Ich habe meine Motivation zu wandern irgendwie verloren. Ich weiss nicht weshalb, aber ich muss mich ploetzlich dazu zwingen, am Morgen meinen Rucksack zu packen und weiter zu kommen. Es ist, als haette ich mein Ziel erreicht, dabei liegen noch fast 600 Kilometer vor mir. Ich geniesse die Leute, die Gewohnheiten und den Kaffee, das Essen, die Unterkuenfte und die Gastfreundschaft der Menschen. Ich rede viel mit den Griechinnen und Griechen und frage auch immer wieder, wie es ihnen geht. Obwohl die wirtschafliche Krise erwaehnt wird, hoere ich kaum jemanden, der sich darueber beklagt. Man merkt, dass die Leute kaempfen und dass sie sich mit der Situation wie sie ist abfinden. Und jetzt sitze ich hier und vermute, dass das Ende meiner Reise nahe ist. Ich habe nicht Griechenland erreicht, sondern ich habe alle diese Laender und Mentaletaeten kennengelern, um in diesem mir so vertrauten Land zu stranden und die Zeit zu geniessen. Ich denke darueber nach, die verbleibende Strecke nach Athen mit dem Bus zurueckzulegen.

Bis bald, Euer Stefan

 

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