Rauf und Runter

Die erste Woche Wanderurlaub von meinen fünf Monaten ist schon beinahe vorbei. Die Bilanz; ich habe jetzt schon das Gefühl, dass es sich gelohnt hat, diesen Urlaub in die Tat umzusetzen. Zugegeben, es brauchte etwas Mut, dieses Projekt, aber bisher bereue ich keine Sekunde davon.

Am ersten Tag wurde ich von Mirjam begleitet. Wir wanderten von Volketswil bis nach Rapperswil bei Temperaturen von zum Teil über 30 Grad. An diesem Tag habe ich mehr als sieben Liter Wasser getrunken und laufend alles rausgeschwitzt. Das wahr wahrscheinlich ein kleiner Vorgeschmack, wie es dann im Balkan sein wird. Mirjam war sehr tapfer, denn ihre Schuhe drückten und sie bekam gewaltige Blasen an den Füssen. Am Abend in Rapperswil hatten wir sogar noch ein bisschen Glück, denn eigentlich waren anlässlich des Iron Man sämtliche Hotelzimmer ausverkauft. In der Pilgerherberge fanden wir dann noch die letzten zwei Betten.

Am zweiten Tag (Sonntag) wurden wir von Claudia begleitet. Zu Dritt wanderten wir von Rapperswil der Linthebene entlang nach Weesen, wo wir auf einem Bauernhof bei Emilie übernachteten. Obwohl dieser Tag genauso heiss schien, hatten wir es sehr schön und auch sehr lustig zusammen, bis zu dem Moment, wo Mirjam ihre Blasenpflaster vom Fuss entfernen wollte und merkte, dass sie damit gleich auch die ganze Haut mit weg zog. Ich konnte fast nicht hinsehen, unter der Haut sah man fast bis zum Fleisch und dann fing der Fuss auch noch an zu bluten. Alleine vom Zusehen bekam ich Schmerzen. Eigentlich wollte mich Mirjam vier Tage begleiten, aber dieses Blasenpflaster hat ihr wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Nach dem Frühstück am dritten Tag fuhr uns die Bäuerin Emilie mit ihrem Auto wieder runter nach Weesen und sogar noch ein wenig weiter, was unser Tag überraschenderweise – trotz dem schlechten Zustand der Füsse von Mirjam – wieder aufhellen liess. Mirjam verabschiedete sich und ging aufs Boot über den Walensee. Claudia begleitete mich noch bis nach Quinten und nahm dort das Boot nach Murg. Der Abschied war sehr emotional für mich, wurde aber sehr schnell wieder etwas erheitert. Als ich während dem Wandern auf den See schaute, sah ich ein Boot wo Claudia wie wild winkte. So eine Überraschung! Mein Weg führte weiter bis nach Walenstadtberg, wo ich Platz in einem B&B fand.

Mein Weg am vierten Tag führte mich durch wunderschöne Rebberge, Wälder und Wiesen, über Sargans bis nach Balzers. Damit war ich zum ersten Mal auf meiner Reise im Ausland. Leider habe ich kein Hotel in Balzers gefunden, also bin ich mit dem Bus nach Triesen gefahren, wo ich in einem viel zu teuren Businesshotel ein Zimmer genommen habe. „Eigentlich möchte ich gar kein Luxus, im Gegenteil.“ dachte ich, aber das half in diesem Moment auch nichts. Trotzdem schien mich jemand gehört zu haben, denn …

… am fünften Tag wanderte ich über Triesenberg zu einer Alp mit dem Namen Sücka. Dort sah ich den Wegweiser zur Pfälzerhütte, die sich auf über 2100 Meter über Meer und genau auf der Grenze zwischen Liechtenstein und Österreich befindet. Und endlich war ich an dem Ort, wo ich immer sein wollte. Es fällt mir schwer die Eindrücke zu schildern. Auf dem Weg nach oben begegneten mir Lamas, Murmeltiere, Raubvögel und viele viele Kleintiere, die ständig vor meinen Schritten flüchteten. In der Hütte war ich der einzige Gast und verbrachte den Abend mit Elfriede und Lisa, die Hüttenwirtin und die Köchin. Wir spielten Eile mit Weile und bemerkten plötzlich, wie die Sonne wie ein knallroter brennender Feuerball am Horizont stand. Draussen genossen wir den Sonnenuntergang. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals einen so schönen Sonnenuntergang erlebt zu haben. Überwältigt von diesem Sonnenspektakel, von der atemberaubenden Berglandschaft und von der Einsamkeit, blieb ich noch eine Weile auf dem Felsen sitzen und bemerkte plötzlich, wie ruhig es ist. Ich hörte nichts, kein Murmeltier, kein Wind, kein Vogel, es war einfach nur Stille um mich herum. Ich bemerkte auch, dass ich seit einer sehr langen Zeit so etwas gar nicht mehr erlebt habe, und ich bemerkte auch, wie sehr es mir gefehlt hat, diese Ruhe.

Heute bin ich dann von der Pflälzerhütte runter nach Nenzinger Himmel, ein Dorf, das mindestens genauso schön ist wie sein Name. Dann ging es weiter in Richtung Brand, wo ich über den Pass gekommen bin, den ich zusammen mit Marc auf dem Sessellift immer bestaunt habe. „Irgendwann werde ich da drüber wandern.“ sagte ich dann immer zu ihm. Heute war es soweit, es war ein sehr bewegender Moment für mich dort oben zu stehen und auf dieses bekannte Skigebiet runter zu schauen. Ich denke immer wieder sehr fest an meinen kleinen Sohn, nicht nur wenn ich in Brand bin. Zur Zeit verbringe ich eine Nacht im Familien Hotel Lagant, wo Marc und ich bereits drei Mal unsere Skiferien genossen haben.

Bis bald, Euer Stefan

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