Die Natur und Ich

Als ich im Hotel Lagant in Brand am Abend meine Schuhe auszog und meine Füsse betrachtete, entschloss ich mich, es am nächsten Tag etwas langsamer anzugehen. Ich stand also am Freitagmorgen auf, setzte mich im grossen Speisesaal als erster und bisher einziger hin und ass ausgiebig Frühstück. Danach nahm ich den Bus nach Bürs und kaufte mir endlich den Fotoapparat, den ich mir eigentlich schon viel früher hätte kaufen sollen. Schon viel zu viele schöne Bilder und Momente entgingen mir, weil ich keine Kamera dabei hatte. Mit dem nächsten Bus fuhr ich wieder zurück nach Brand und machte mich gegen Mittag auf den Weg zur Douglasshütte am Lünersee. Von Brand bis zur Talstation Lünersee war es ein Spaziergang, ab der Talstation bis zur Bergstation jedoch wurde einem einiges an Energie abverlangt, denn der Weg ist sehr steil und Alpin. Oben angekommen wird man aber mit einem sehr schönen Ausblick auf den türkisfarbenen See belohnt. Dort oben wehte jedoch ein heftiges Lüftchen, das so stark blies, dass ich mein Handy nicht mit einer Hand bedienen konnte, sonst hätte mir der Wind es aus der Hand gerissen.

Lünersee

Der Lünersee von oben. Die Douglasshütte mit dem Staudamm befindet sich rechts, von hier aus leider nicht zu sehen.

Die Douglasshütte ist zwar nicht besonders gemütlich, aber dafür gab es lustige Leute, faire Preise und vier Wände, die vor dem bissigen Wind schützten. Einer der lustigen Leute war Jan, der Postautofahrer, der offenbar schnell mit der Seilbahn in die Douglashütte gekommen ist um ein Bier (in Österreich trinken die Postautofahrer sogar Bier!) zu trinken. Er begrüsste mich mit den Worten: „Hallo, ich bin Jan, ich bin der Postautofahrer!“. Es fehlte nicht an witzigen Sprüchen und lautem Gelächter an unserem Tisch.

Heute Samstag wanderte ich gleich um 08:00 Uhr los und ging vom Lünersee (knapp 2000 Meter) runter bis nach Vandans (640 Meter über Meer). Während meinem Abstieg sah ich den Alpaufzug, wo Bauern ihre Rinder für den kommenden Sommer auf die Alp bringen. Die Kühe werden aber nicht mehr von den Bauern zu Fuss auf die Alp begleitet, sondern da fahren dutzende von Traktoren mit Viehanhängern den Berg rauf. Anstatt nach Kuhfladen riecht es also nach Dieselmotor und anstatt kuhgemuhe hört man traktorgedröhne. Dafür glotzen die Kühe mit weit aufgerissenen Augen aus dem Anhänger.

Vandans

Der Blick auf Vandans

Als ich dann endlich am Ortsschild Vandans vorbei wanderte, sagte ich: „Hallo Vandans, hier bin ich!“. Im gleichen Moment hörte ich mich sagen: „Und jetzt?“. Leider hatte ich keinen Plan, wie es von Vandans aus weitergehen sollte. Ich steuerte auf den nächsten Buchladen zu, der sich zufällig an der Strasse befand, in der Hoffnung dort eine Wanderkarte zu finden. Auf einem Schild an der Türe stand: „Öffnungszeiten: Samstag 8 – 12 Uhr“. Auf meiner Uhr war es genau 12:05, also Pech gehabt. Ein paar Schritte weiter fand ich dann einen Spar, wo ich mich dafür mit Käse, Landjäger und Brot eindeckte. Nach der langen Reise war ich etwas hungrig, also ass ich Brot und Käse im Stehen auf einer Wiese direkt vor dem Spar. Wie ich so am essen bin, fährt vor mir ein Postauto auf das Trottoir, parkt dort und ein Busfahrer, der genau wie Bud Spencer aussieht, steigt aus. Er kommt in meine Richtung und begrüsst mich mit den Worten: „Schon Feierabend heute?“. Ich antworte: „Noch nicht ganz…“. Ohne seinen Schritt zu verlangsamen geht er an mir vorbei und meint: „Wohin?“. Ich sage: „Nach Schruns.“. Er ist mittlerweile schon an mir vorbei: „Und dann?“ fragt er. Ich: „Keine Ahnung!“. Immer noch im Gehen dreht er den Kopf und fragt: „Wo ist das Ziel?“. „Athen.“ sage ich und sehe, wie er den Bruchteil einer Sekunde zögert. Dann dreht er noch einmal seinen Kopf und meint: „Aber nicht mehr heute?!?!“. Ich erwidere nichts mehr darauf, denn ich hätte bereits schreien müssen, um ihm zu antworten. Nach ein paar Minuten ziehe ich wieder meinen Rucksack an und möchte schon weiter gehen, als Bud Spencer mit einem Sandwich und etwas zu Trinken wieder aus dem Spar heraus kommt. Dieses Mal bleibt er vor mir stehen und erkundigt sich, ob das wirklich stimmt. Ich beteuere mein Vorhaben und er will genau wissen, wohin ich als nächstes gehe. Wie sich herausstellt kennt er sich nicht nur in der Gegend aus, sondern auch noch etwas weiter hoch in den Bergen scheint er Kenntnisse zu haben, trotz seines grossen Bauches. Er gibt mir einige Empfehlungen und besteht darauf, mich ein paar hundert Meter zum Wanderweg von Vandans nach Schruns zu fahren. Er lässt mich mitten auf der Strasse aussteigen und verabschiedet sich: „Alles alles Gute und viel Spass auf Deiner Reise.“ wünscht er mir und ich antworte: „Danke und Ihnen ein schönes Wochenende.“.

In Schruns blieb ich auf dem Dorfplatz hängen, denn da fand gerade ein kleines Dorffest statt. Alte amerikanische Autos, Wurstbuden und Bierstände mit feschen Mädels in Dirndls und eine Livemusik schmückten den Platz. Ich genehmigte mir ein Bier und telefonierte mit meinem Marc. Zu meinem Erstaunen interessiert er sich sehr für meine Reise und stellte mir 100 Fragen. Ich versuchte alles so gut wie möglich zu beantworten und ging dann weiter in das Touristenbüro, wo ich mich um Wanderkarten und eine Unterkunft kümmerte.

Bis bald, Euer Stefan.

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